Melanchthon-Gymnasium 500

Das Nürnberger Melanchthon-Gymnasium feiert sein 500-jähriges Bestehen. Die „Obere Schule bei St. Egidien“ wurde am 23. Mai 1526 mit einer Rede von Philipp Melanchthon eröffnet.

Liebe Leserinnen und Leser,

was für eine Geschichte, die in die Reformationszeit zurückreicht. Nach dem Religionsgespräch von 1525 hatte die Stadt Nürnberg die lutherische Lehre angenommen. Die Benediktiner des „Schottenklosters“ St. Egidien hatten dies unterstützt und übergaben die Gebäude sowie ihr Vermögen an die Stadt. Dies ermöglichte die Gründung einer neuen Schule, die den Übergang von der Lateinschule zur Universität verbessern sollte. Philipp Melanchthon unterstützte das Projekt konzeptionell, empfahl den ersten Rektor Joachim Camerarius und hielt eine programmatische „Lobrede auf die neue Schule“.

Schulgebäude von 1699 und Denkmal von 1826 am Egidienplatz

Später wurde das Gymnasium nach Altdorf verlegt, dort zur Akademie und diese zur Nürnberger Universität Altdorf erhoben. Das Gymnasium kam wieder an den Egidienplatz zurück und erhielt nach Zerstörung durch Brand einen Neubau. Infolge der Eingliederung der Stadt Nürnberg in das Königreich Bayern wurde das Gymnasium verstaatlicht. Von 1808 bis 1816 wirkte Georg Wilhelm Friedrich Hegel als Schulrektor und erneuerte das Bildungsprogramm im neuhumanistischen Sinne. Zum 300-jährigen Jubiläum 1826 schuf Jakob Daniel Burgschmiet das Melanchthon-Denkmal. Im Jahr 1911 bezog das „Königliche Alte Gymnasium“ einen größeren Neubau an der Sulzbacher Straße. Zu seiner Geschichte gehört auch die Umbenennung in „Melanchthon-Gymnasium“ im Jahr 1933.

Schulgebäude von 1911 an der Sulzbacher Straße

BERJAYA

Bereits seit über zehn Jahren bereitet sich das Gymnasium auf das große Schuljubiläum vor mit einer Reihe von jährlichen, zukunftsweisenden Bildungsreden, die der Stadt zum Besten gereichen mögen. So ist nun am 23. Mai 2026 in St. Egidien der Benediktiner Pater Anselm Grün zur Jubiläums-Bildungsrede eingeladen.

Vielfältige Veranstaltungen und Aktivitäten haben bereits stattgefunden, ein Festakt im Rathaus und ein eigenes Theaterstück sowie Stadtspaziergänge; es gibt neue Hoodies „Bildungshelden“, einen Podcast und ein Scrapbook. Weitere Schulfeste, Konzert und Gottesdienst folgen. Siehe Schulseite:

https://www.melanchthon-gymnasium.de/veranstaltungen/jubilaeum-500-jahre-mgn

BERJAYA

Herzliche Glückwünsche allen Schülerinnen und Schülern sowie dem Lehrkörper zum Jubiläum und für die Zukunft

Bernd Arnold

Wolfram Eilenberger: Zeit der Zauberer

Wolfram Eilenberger, Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919 – 1929, Klett-Cotta, Stuttgart 2018

Ausgewiesen als Sprachphilosoph, ist Wolfram Eilenberger bekannt als Autor und früherer Chefredakteur des „Philosophie Magazins“. Die „Zeit der Zauberer“ in den zwanziger Jahren bezieht er kurz und knapp auf Thomas Manns Roman „Zauberberg“ von 1924 (S. 25). Dort im Schweizerischen Davos trafen sich 1929 bei den Hochschulkursen Ernst Cassirer und Martin Heidegger mit allerhand Zuhörern zu einer Disputation, die eingangs und auswärts des Buches den aufgespannten Rahmen bildet.

Was die Sprache ist und kann, und gibt es eine Ursprache? Wie wäre eine logische Idealsprache beschaffen? In welchem Verhältnis stehen Sprache, Worte zur Wirklichkeit? Sprache beschäftigt die vier Philosophen, die uns Wolfram Eilenberger eingehend vorstellt: Ernst Cassirer, Martin Heidegger, Ludwig Wittgenstein und Walter Benjamin. Wie sich deren Wege und Werke gestalten, erschließt Eilenberger eindrucksvoll. Von Wittgensteins Doktorprüfung in Cambridge über Heideggers Aufstieg zur Hütte, Benjamins „Passagen“ zu Cassirers Emigration.

Zu lesen sind ganz verschiedene Wege beim Leben, Denken, Wohnen, Lieben und Beziehen wie des Lesens, Sprechens und Schreibens. Wie sich Wittgenstein nach Ausschlagen des Erbes durchschlägt als Volksschullehrer, Benjamin als Übersetzer und Essayist, Cassirer und Heidegger sich etablieren. Die Musen kommen dazu: Hannah Arendt für Heidegger, Asja Lacis zu Benjamin. Alles erzählt Eilenberger eingebettet in die Zeitgeschichte nach dem Ersten Weltkrieg, Inflation 1923 bis vor die Weltwirtschaftskrise 1929.

Für mich ist nachvollziehbar, wie sich diese vier Denker der Weimarer Jahre an der Erkenntnistheorie und Kant abgearbeitet haben. Dabei leuchtet mir ein, dass die Sprache eine große Rolle spielte. Descartes wird als Modernisierer zurückgewiesen, doch bleiben die Philosophen der zwanziger Jahre nicht auf ihre Weise ebenfalls  modern?

Eine Seins-Lehre aufzustellen, die an der Zeit endet, und mit dem Nichts und der Angst hausiert, dies stellt Autor Wolfram Eilenberger bei Heidegger dar, und es wundert mich nicht, wie Heidegger dem Nationalsozialismus verfallen ist.

Eilenberger gliedert sein Buch in: Die Zauberer, Sprünge, Sprachen, Bildung, Du, Freiheit, Passagen, Zeit und Endliche – mit kurzweiligen Abschnitten, die Leben und Werk der vier Philosophen, Weggefährten und Briefpartner einschließen. Cassirer und Aby Warburgs Bibliothek in Hamburg. Benjamins Freundschaft mit Gershom Sholem. Karl Jaspers taucht auf als Briefpartner von Heidegger und hätte eine nähere Betrachtung verdient. Im Kapitel „Du“ ist Martin Buber mit seinem „Ich und Du“ (Leipzig 1923) keiner Rede wert, während anderweitig viele Zeitgenossen zu Wort kommen und benannt werden.

Dass aus Erkenntniskritik in den zwanziger Jahren Sprachphilosophie wurde, leuchtet ein, doch musste daraus folgen, im philosophischen Denken auf Ethik zu verzichten? Im Politischen Denken verknüpfte Benjamin die historisch-materialistsiche Dialektik mit dem Messianismus und endete im Exil. Cassirer war derjenige, der die Weimarer Republik schätzte, bevor er vertrieben wurde und emigrierte.

"Die zentralen Gefahren, denen jede moderne Kultur zu jedem Zeitpunkt ihrer Entwicklung ausgesetzt ist, sieht Cassirer dabei vor allem in zweierlei. Erstens: Jede Kultur ist manifest rückfall-anfällig, jeder ihrer Entwicklungsschritte ist reversibel. Und zweitens: Gerade in Zeiten der höchsten Krise, Spannung und Unübersichtlichkeit - wie in den Jahren 1922 und 1923 - droht die Gefahr eines entlastenden Rückfalls in maximal klar ordnende und wertende Deutungsmuster, wie sie insbesondere das mythische Denken liefert." (S. 158)

"Andererseits sieht Wittgenstein als Pädagoge, ganz auf einer Linie mit weiteren Ikonen seiner Wiener Moderne - Ernst Mach, Karl Kraus, Sigmund Freud -, gerade was den Bereich der alltäglichen Sprache angeht, durchaus therapeutisches Interventionspotential. Die Krise der Kultur ist auch für ihn in erster Linie eine Krise des öffentlichen Sprachgebrauchs. Und um dieses Übel an seiner Wurzel zu packen, muss man durchaus nicht nur, wie Heidegger, Benjamin und Cassirer, weit in der historischen Vergangenheit liegenden Fehlbildungen nachgehen. Schließlich treten mit jedem Tag, den Gott gibt, neue Wesen in unsere Gemeinschaft ein, die noch gänzlich frei von jeder Kultur und den damit verbundenen Anfälligkeiten und Verwirrungen sind: Ist nicht jedes aufgeweckte Kind der lebendige Beweis für die prinzipielle Schulbarkeit eines besseren, klareren und damit autonomiefördernden Sprechens?" (S. 283-284)

Die Verlagsseite von Klett-Cotta, hat unter anderem eine Leseprobe wie auch einen schönen Reader zum Buch.

 

Goethe: West-Östlicher Divan

Johann Wolfgang Goethe, West-östlicher Divan. Herausgegeben und erläutert von Hans-J. Weitz. Mit Essays zum ‚Divan‘ von Hugo von Hofmannsthal, Oskar Loerke und Karl Krolow, Insel Verlag, Berlin 2012, 2. Auflage 2015, (Insel Verlag Frankfurt am Main 1974, 1988) –

Wohlbekannt ist das Gedicht:

"Gingo biloba

Dieses Baums Blatt der von Osten
 Meinem Garten anvertraut
 Gibt geheimen Sinn zu kosten
 Wie’s den Wissenden erbaut.

Ist es ein lebendig Wesen
 Das sich in sich selbst getrennt?
 Sind es Zwei die sich erlesen
 Daß man sie als Eines kennt?" 

Solche Frage zu erwidern
 Fand ich wohl den rechten Sinn;
 Fühlst du nicht an meinen Liedern
 Daß ich Eins und doppelt bin? 
S. 69

Dies Gedicht tauschte Goethe mit Marianne von Willemer in Heidelberg aus, und verliebt wechselten sie mancherlei Anverwandlungen der persischen Dichtung. „Gingo biloba“ ist ein Leitgedicht der Goethe-Gesellschaft und der Freunde des Ginkgo-Baumes geworden.

BERJAYA

Wer sich für „Leitkultur“ aus Weimar, Heidelberg und Shiraz erwärmen mag, erfreue sich am Gedicht-Zyklus des „West-östlichen Divan“. Goethe gliederte das Ganze folgendermaßen:

Moganni Nameh. Buch des Sängers
Hafis Nameh. Buch Hafis
Uschk Nameh. Buch der Liebe
Tefkir Nameh. Buch der Betrachtungen
Rendsch Nameh. Buch des Unmuts
Hikmet Nameh. Buch der Sprüche
Timur Nameh. Buch des Timur
Suleika Nameh. Buch Suleika
Saki Nameh. Das Schenkenbuch
Mathal Nameh. Buch der Parabeln
Parsi Nameh. Buch des Parsen
Chuld Nameh. Buch des Paradieses

 

BERJAYA

Anfangs:

„Hegire

Nord und West und Süd zersplittern,
Throne bersten Reiche zittern,
Flüchte du, im reinen Osten
Patriarchenluft zu kosten;
Unter Lieben, Trinken, Singen
Soll dich Chisers Quell verjüngen.

Dort, im Reinen und im Rechten,
Will ich menschlichen Geschlechten
In des Ursprungs Tiefe dringen,
Wo sie noch von Gott empfingen
Himmelslehr in Erdesprachen,
Und sich nicht den Kopf zerbrachen.

Wo sie Väter hoch verehrten,
Jeden fremden Dienst verwehrten;
Will mich freun der Jugendschranke:
Glaube weit, eng der Gedanke,
Wie das Wort so wichtig dort war,
Weil es ein gesprochen Wort war.

Will mich unter Hirten mischen,
An Oasen mich erfrischen,
Wenn mit Karwanen wandle,
Shawl, Kaffee und Moschus handle;
Jeden Pfad will ich betreten
Von der Wüste zu den Städten.

Bösen Felsweg auf und nieder
Trösten, Hafis, deine Lieder,
Wenn der Führer mit Entzücken
Von des Maultiers hohem Rücken
Singt, die Sterne zu erwecken
Und die Räuber zu erschrecken.

Will in Bädern und in Schenken,
Heilger Hafis, dein gedenken;
Wenn den Schleier Liebchen lüftet,
Schüttelnd Ambralocken düftet.
Ja des Dichters Liebeflüstern
Mache selbst die Huris lüstern.

Wollet ihr ihm dies beneiden,
Oder etwa gar verleiden,
Wisset nur, daß Dichterworte
Um des Paradieses Pforte
Immer leise klopfend schweben,
Sich erbittend ewges Leben.“

Seite  9 – 10

BERJAYA

Im Gedicht „Talismane“ verfasste Goethe vor 200 Jahren seine Einsicht in die Welt mitsamt Selbsterkennen, wie es heute wieder atemfrisch anmutet:

„Gottes ist der Orient!
Gottes ist der Okzident!
Nord- und südliches Gelände
Ruht im Frieden seiner Hände.

Er, der einzige Gerechte,
Will für jedermann das Rechte.
Sei, von seinen hundert Namen,
Dieser hoch gelobet! Amen.

Mich verwirren will das Irren;
Doch du weißt mich zu entwirren.
Wenn ich handle, wenn ich dichte,
Gib du meinem Weg die Richte.

Ob ich Irdsches denk und sinne,
Das gereicht zu höherem Gewinne.
Mit dem Staube nicht der Geist zerstoben,
Dringet, in sich selbst gedrängt, nach oben.

Im Athemholen sind zweierlei Gnaden:
Die Luft einziehn, sich ihrer entladen.
Jenes bedrängt, dieses erfrischt;
So wunderbar ist das Leben gemischt.
Du danke Gott wenn er dich preßt,
Und dank ihm wenn er dich wieder entläßt.

Seite 12

BERJAYA

Auch das folgende Gedicht zeugt vom Selbsterkennen, von Liebes- und Lebensweisheit wie vom poetischen Wunsch des Dichters:

Selige Sehnsucht

Sagt es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet,
Das Lebendge will ich preisen
Das nach Flammentod sich sehnet.

In der Liebesnächte Kühlung,
Die dich zeugte, wo du zeugtest,
Überfällt dich fremde Fühlung
Wenn die stille Kerze leuchtet.

Nicht mehr bleibst du umfangen
In der Finsternis Beschattung,
Und dich reißet neu Verlangen
Auf zu höherer Begattung.

Keine Ferne macht dich schwierig,
Kommst geflogen und gebannt,
Und zuletzt, des Lichts begierig,
Bist du Schmetterling verbrannt.

Und solang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

TUT ein Schilf sich doch hervor
Welten zu versüßen!
Möge meinem Schreibe-Rohr
Liebliches entfließen!

Seite 21

Die Gedichte des West-östlichen Divans seien allen Leserinnen und Lesern ans Herz gelegt und empfohlen.

BERJAYA

Goethes „Noten und Abhandungen zu besserem Vertändnis des West-östlichen Divans“ in diesem Band erläutern sehr eingehend seine persönliche Herangehensweise, die persische Literaturgeschichte und deren europäische Aufnahme zu seiner Zeit. Dazu kommen Goethes Gedichte aus dem Nachlass sowie hilfreiche literaturgeschichtliche Erläuterungen des Herausgebers Hans-J. Weitz. Die Ausgabe wird abgerundet mit feinen Essays von Hugo von Hofmannsthal, Oskar Loerke und Karl Krolow.

Nach dem Lesen sitze ich einmal mit einem Freund, das andere mal mit einer Freundin im „Wundersgärtla“ unter knospenden Gingko-Bäumen, sage das Gingo-Gedicht auf – und staune über Goethes beispielhaftes Weltverständnis und Selbstverhältnis.

Die Seite des Insel Verlages mit kleiner Leseprobe zitiert Rafik Schami: »Eine der größten Liebeserklärungen, die je ein Europäer dem Orient gemacht hat.«

http://www.suhrkamp.de/buecher/west-oestlicher_divan-johann_wolfgang_goethe_36234.html

Auch in der WordPress-Gemeinde finden sich manche Lesarten, zuletzt hier mit weiteren Gedichten im „Schwanenteichblog“:

https://schwanenteichblog.com/2018/04/16/seminar-in-der-fastenzeit-goethe-und-die-religion-iv/

Readers in English language may find the full text here for example:

West-eastern divan: in twelve books, by Goethe, Johann Wolfgang von, 1749-1832; translated by Dowden, Edward, 1843-1913, J. M. Dent & Sons Ltd., London and Toronto, MCMXIV (1914)

https://archive.org/details/westeasterndivan00goetuoft

 

 

Irvin D. Yalom: Wie man wird, was man ist * Becoming Myself: A Psychiatrist’s Memoir

Irvin D. Yalom, Wie man wird, was man ist. Memoiren eines Psychotherapeuten, Aus dem Amerikanischen von Barbara v. Bechtolsheim, btb Verlag, München 2017, 448 Seiten. Verlags-Seite mit Leseprobe u. a.

Irvin D. Yalom, Becoming Myself: A Psychiatrist’s Memoir, Basic Books, New York 2017, 352 pages. Publisher’s Page

Yalom erzählt sein Leben, schreibt es auf. Er beginnt mit zwei thematischen Träumen, schildert seine Herkunft und Familiengeschichte von russischen Einwanderern, geboren 1931 und aufgewachsen in Washington D. C.

Buch-Blogger werden den Abschnitt mögen, wie sich Yalom als Junge in der Washington Central Bibliothek von A bis T durch das Regal der Biografien las. Zu seiner religiösen Sozialisation verfasst er ein „Selfie-Interview“ zur Bar Mizwa mit dem Jugendlichen und dem gereiften Dr. Yalom.

Dann lernen wir Irvins Jugendliebe Marilyn kennen, die er heiratet, und deren gemeinsamer Weg familiär und kreativ verlaufen wird.

Den Stress, dass die Medizinische Hochschule der George Washington University eine Zulassungsbeschränkung von fünf Prozent für jüdische Studierende hatte, konnte er mit Ängsten und Schlafstörungen meistern. Am Städtischen Krankenhaus von Boston behandelt Yalom seine erste psychiatrische Patientin. Das weitere Studium verbringt er an der John Hopkins University. Darauf folgend wird er zum Militärdienst am Tripler Krankenhaus in Honolulu auf Hawaii einberufen. Von dort aus wechselt er an die Standford University, wo er lange bleiben wird, und auf die er in seiner Autobiografie ein Loblied singt.

Irvin Yalom schildert eingehend seine psychoanalytische und psychotherapeutische Ausbildung und seine Ausrichtung auf die Gruppentherapie, zu der er in mehreren Auflagen ein erfolgreiches Lehrbuch beiträgt. In dem Abschnitt „Ankommen“ schildert er eine Ausbildungsgruppe am National Training Laboratory Institute mit einer Szene:

„Ich wendete mich der Gruppenleiterin zu und sprach sie direkt an: ‚Ich bin neugierig, was es mit Ihrem Schweigen auf sich hat. Könnten Sie etwas zu Ihrer Rolle hier sagen?‘ Diesmal antwortete sie (kurz): ‚Meine Rolle ist es, die Gruppenleiterin zu sein und alle Gefühle und Vorstellungen, die die Gruppenmitglieder über Führungspersönlichkeiten haben, zu ertragen.'“ (Seite 165)

Weiter erzählt und schreibt Yalom von den wechselhaften Entwicklungen der Gruppentherapie und den Encounter-Gruppen mit Forschungs-Semestern in London, Wien, Oxford und Paris sowie der Zuwendung zum Schreiben – „Jeden Tag ein bisschen näher“ – und seinem Konzept  der „Existenziellen Therapie“ mit der Neigung zur Philosophie:

„Ich befasste mich mit Nietzsche, Sartre, Camus, Schopenhauer sowie mit Epikur und Lukrez. Kant, Leibnitz, Husserl und Kierkegaard ließ ich beiseite, weil ihre Konzepte nach meinem Eindruck für die klinische Anwendung weniger relevant waren.“ (Seite 234)

„Ich sagte mir oft: die Realität des Todes mag uns zerstören, aber die Vorstellung vom Tod kann uns retten. Es bringt die Erkenntnis auf den Punkt, dass wir nur eine Chance zu leben haben und am Ende möglichst wenig bedauern sollten.“ (Seite 245)

Zwischendurch reist Yalom, reisen die Yaloms, nach Indien, Japan, China und Bali.

Alle bisherige Lebens- und Leserfahrungen Yaloms münden in sein Buch „Und Nietzsche weinte“. Wie er dies konstruiert und imaginiert ist eindrucksvoll. „Gides Aphorismus treu geblieben zu sein: Fiktion ist Geschichte, die sich hätte zutragen können.“ (Seite 319)

Im nächsten Roman, „Die Rote Couch“, geht Yalom weniger historisch als persönlich vor. Da hier in Blog-Diskussionen schon einmal von Camus die Rede war, hier Yalom zu einer Glas-Skulptur, „die einen Mann zeigt, der über den Rand einer Schale blickt, mit dem Titel ‚Sisyphus genießt den Ausblick.'“ (Seite 324)

Irwin Yalom erzählt von seinen weiteren Büchern, und Buchblogger werden seine Anmerkungen zu Verlagsverhandlungen oder Filmrechten schätzen. Zuletzt schildert Yalom eine Begegnung:

„Mir fiel eine Frau auf, von der ich zuerst meinte, es sei meine Mutter. Plötzlich spürte ich eine – neue – Welle von Zärtlichkeit für sie und fühlte mich schuldig, dass ich sie in diesem Buch kritisiert habe. Wie meine Mutter wirkte die Frau auf dem Foto ungebildet, verängstigt, fleißig und als versuche sie, zu überleben und ihre Familie in dieser merkwürdigen fremden Kultur aufzuziehen. Mein Leben ist so reich, so privilegiert und so sicher – wesentlich weil meine Mutter so hart arbeitete und so großzügig war. Ich saß da in diesem Deli und weinte, während ich in ihre Augen schaute und in die Augen all der anderen Flüchtlinge. Ich hatte ein Leben lang meine Vergangenheit erforscht, analysiert und rekonstruiert, aber ich merke jetzt, was für ein Jammertal noch in mir ist, das ich wohl nie werde bewältigen können.“ (Seite 442)

Autoren-Seite mit Biografie, Bibliografie u. a. : http://www.yalom.com/index.html

Dagmar Eger-Offel: Kohlhaas und der Sinn des Lebens. Wege der Philosophiegeschichte

Dagmar Eger-Offel, „Kohlhaas und der Sinn des Lebens. Wege der Philosophiegeschichte zur Suche nach dem Sinn“, Literatur im Fenster e. V., Isny im Allgäu 2017, ISBN: 978 – 3 – 00 – 057666 – 9

Philosophiegeschichte macht mich neugierig. Dagmar Eger-Offel überzeugt mit ihrer Geschichte der Philosophie in mehrerlei Hinsicht: eine Fülle an Primär-Literatur, die Leitfrage der Sinnsuche und die literarische Figur des Michael Kohlhaas auf der Suche nach dem Sinn.

„Auf der Suche nach der richtigen Frage

Warum stellen sich Menschen überhaupt die Frage nach dem Sinn?

Es gibt vielerlei Gründe, sich die Frage nach dem Sinn zu stellen. Meistens sind es Lebenskrisen oder schwierige Entwicklungsphasen, in denen das Leben im Gesamten auf eine Art Prüfstand gestellt wird.

Im Fall der Entstehung dieses Buches verhält es sich anders: für mich persönlich war es vielmehr noch einmal die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Philosophie, die mich dazu verleitete, die größte aller Fragen mit Hilfe einiger wichtiger Philosophen der Philosophiegeschichte anzugehen. …“ (Seite 8)

Nach den einleitenden differenzierten Fragen beginnt Dagmar Eger-Offel bei Platon und zieht dessen Dialoge Politeia und Phaidon heran. Sie bespricht das Höhlen-Gleichnis und den Philosophen-Königs-Satz, dessen Lehren der Seele, Bildung, Ideen und des Guten:

„Denn dass die Idee des Guten die größte Einsicht ist, hast du schon vielfältig gehört, als durch welche erst das Gerechte und alles, was sonst Gebrauch von ihr macht, nützlich und heilsam wird.“ (hier: Seite 23)

Anhand der Nikomachischen Ethik des Aristoteles vertieft Dagmar Eger-Offel die antike Tugend-Ethik und ihr Ziel der Eudaimonia:

„Also: die Glückseligkeit stellt sich dar als ein Vollendetes und sich selbst genügendes, da sie das Endziel allen Handelns ist.“ (hier: Seite 36)

Mit Epikur betrachtet die Autorin einen weiteren klassischen Philosophen, der aufgrund veränderter Rahmenbedingungen weniger auf die Politik – wie Platon und Aristoteles – gerichtet war, als auf den eigenen Garten:

„In ihr (der Vernunft, Anm. d. Verf.) wurzeln alle übrigen Tugenden. Sie ist es, die lehrt, dass man nicht freudvoll leben kann, ohne vernünftig, anständig und gerecht zu leben, aber auch nicht vernünftig, anständig und gerecht, ohne freudvoll zu leben.“ (Seite 48)

Für das christliche und mittelaterliche Zeitalter der Philosophiegeschichte liest und referiert Dagmar Eger-Offel „Das Seiende und das Wesen“ von Thomas von Aquin:

„Also ist offenbar, dass der Geist Form und Sein ist und dass er das Sein von einem ersten Seienden hat, das nur Sein ist, und dies ist die erste Ursache, die Gott ist.“ (Seite 64)

Nun folgt ein Sprung ins 18. Jahrhundert zu Jean-Jacques Rousseau:

„Wer vom Naturzustand spricht, der spricht von einem Zustand, der nicht mehr existiert, der vielleicht niemals existiert hat und wahrscheinlich nie existieren wird und der gleichwohl gedacht werden muss, damit man die Gegenwart richtig begreifen kann. “ (Seite 76)

Im folgenden Kapitel über Immanuel Kant gelingt Dagmar Eger-Offel eine  besonders lehrreiche Lektion, so über den Unterschied von transzendenten und transzendentalen Aspekten.

„Und das war zunächst einmal die Aufgabe der Kriktik der reinen Vernunft: herauszufinden, welche dem Menschen gegebenen „Anschauungsformen“ dem Denken zugrunde liegen, was sie ermöglichen und mit welchen Mitteln des Denkens man dann zu Erkenntnis gelangen kann. In welchem Zusammenhang steht nun die Wissenschaft mit der Sinnfrage? Eines der wichtigsten Ergebnisse: man kann zu Gott und zum ewigen leben zu keiner Erkennntis kommen. Nichts desto trotz gibt es begründete Verantwortung für ein moralisches Leben.“ (Seite 96)

Die Autorin zitiert die drei Versionen des kategorischen Imperativs und den Zweck des höchsten Guts der drei theoretischen Begriffe „Freiheit, Unsterblichkeit und Gott“ (Seite 100). Mit der Lektüre von Platon, Aristoteles und Kant stellt sich mir immer wieder die Frage nach der Tugend- und Neigungsethik oder der Pflichtenethik.

Eine andere Wendung nimmt das Philosophieren mit Arthur Schopenhauer:

„‚Die Welt ist meine Vorstellung‘ – dies ist eine Wahrheit, welche in Beziehung auf jedes lebende und erkennende Wesen gilt, wiewohl der Mensch allein sie in das reflektierte abstrakte Bewusstsein bringen kann; und tut er dies wirklich, so ist die philosophische Besonnenheit bei ihm eingetreten.“ (Seite 115)

„Darum ist das bloße Wollen und Können an sich noch nicht zureichend, sondern ein Mensch muss auch wissen, was er will, und wissen, was er kann: erst so wird er Charakter zeigen, und erst dann kann er etwas Rechtes vollbringen.“ (Seite 119)

Zu Nietzsche schreibt Dagmar Eger-Offel:

„Und das ist im Kern das, was wir Nietzsches Nihilismus verdanken: die schonungslose Offenlegung der Zwänge durch Konventionen.

Dabei entsteht eine Lebensphilosophie, eine Philosophie aus dem Leben und für das Leben. Für Nietzsche gibt es keine Autonomie der Theorie und er sagt von sich, er wisse nicht, was rein geistige Probleme seien. Das reine Theoretisieren habe immer eine ideologische Funktion, er habe immer mit seinem ganz Leib und Leben geschrieben.“ (Seite 133)

Martin Heidegger ist zwischenzeitlich kaum mehr „politisch korrekt“ – und ich bevorzuge seinen Kollegen Karl Jaspers – , doch bleibt wohl die Herausforderung, ihn und seine Denkewege vor, im und nach dem Nationalsozialismus zu verstehen.

„“Das ‚Wesen‘ des Daseins liegt in seiner Existenz.‘

Der Mensch kann nur das Wesen des Daseins der menschlichen Existenz erforschen. Dabei ist es nicht möglich, das Wesen des Daseins der ganzen Gattung zu erforschen, sondern nur des ‚jemeinigen‘ Daseins.

In seiner Einführung in die Metaphysik stellt Heidegger die Frage, warum überhaupt Seiendes ist und nicht vielmehr nichts als die tiefstmögliche Frage, weil sie Grund angibt für das Seiende. Und es ist gleichzeitig die ‚ursprünglichste‘ aller Fragen.“  (Seite 152)

„Wie lebt man ohne Sinn?“ fragt Dagmar Eger-Offel in ihrem Kapitel über Jean-Paul Sartre mit dem Untertitel „Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt.“

„Und das ist wahrscheinlich der mutigste Satz des Existenzialismus:

‚Der Mensch ist nichts anderes, als wozu er sich macht.'“ (Seite 162)

Sartres Zeitgenossen Albert Camus zitiert Dagmar Eger-Offel mit den berühmten Sätzen:

„Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ (Seite 174)

„So leite ich vom Absurden drei Schlußfolgerungen ab: meine Auflehnung, meine Freiheit und meine Leidenschaft.“ (Seite 178)

Im Abschnitt über Theodor W. Adorno und seine „Negative Dialektik“ wird die Frage gestellt nach dem Sinn im Angesicht des „Dritten Reichs“.

„Es handelt sich um den Entwurf einer Philosophie, die nicht den Begriff der Identität von Sein und Denken voraussetzt und auch nicht in ihm terminiert, sondern die gerade das Gegenteil, also das Auseinanderweisen von Begriff und Sache, von Subjekt und Objekt, und ihre Unversöhntheit, artikulieren will.“ (Seite 187)  

Mit Hannah Arendt rundet Dagmar Eger-Offel ihre Philosophiegeschichte ab, und ich entnehme zwei Zitate:

„Was völlig aus dem Gesichtskreis neuzeitlicher Denkungsart verschwand, war die Kontemplation, das Anschauen oder Betrachten eines Wahren.“ (Seite 202)

„Niemals ist man tätiger, als wenn man dem äußeren Anschein nach nichts tut, niemals ist man weniger allein, als wenn man mit der Einsamkeit mit sich allein ist.“ (Seite 204)

In ihrem Epilog – „Zu guter Letzt“ – vermerkt Dagmar Eger-Offel unter anderem:

„Das, was sich über die Beschäftigung mit der Philosophie verändert, ist das Verhältnis, in das sich der Mensch zur Welt setzt. Und das Philosophieren über die unterschiedlichen Verhältnismäßigkeiten gleicht einem Prozess, der über Abwägen, über Konkretion, den Menschen in seiner Positionierung immer wieder vor neue Herausforderungen stellt. Und das ist der Sinn eines solchen Philosophierens. Damit wäre jedenfalls meine große Frage des Anfangs zum Sinn der Philosophie beantwortet.“ (Seite 213)

Und Michael Kohlhaas aus Heinrich von Kleists Novelle? Dagmar Eger-Offel lässt ihn von Autor zu Kapitel den unterschiedlichen Gedanken und Ideen begegnen, imaginiert Gespräche der Philosophen mit Kohlhaas und deutet seine Perspektiven – was sich spannend liest wie ein Krimi. Gerechtigkeits-Terrorismus ist fehl am Platz, Gerechtigkeit bleibt Idee und Ziel.

Hiermit sei das Buch empfohlen, und wer schnuppern will, findet im Blog der Autorin kapitelweise Videos zum Betrachten und Hören.

Dagmar Eger-Offel: Kohlhaas und der Sinn des Lebens

 

Hannah Arendt: „Die Freiheit, frei zu sein“ * „The freedom to be free“

Hannah Arendts Essay „The freedom to be free“ (um 1967) wurde gerade aus ihrem Nachlass herausgegeben. Neue Leser*innen mögen sie entdecken, ältere werden den Text genießen. Auf 35 Seiten beschrieb Hannah Arendt hier ihr Verständnis der Freiheit anhand der Begriffsgeschichte und der modernen Revolutionen, insbesondere in den Vereinigten Staaten von Amerika und in Frankreich.

Der Begriff der Revolution stammt nicht aus der antiken Tradition des politischen Denkens, sondern aus der Astronomie, von Nicolaus Copernicus, „De revolutionibus orbium coelestium“, Nürnberg 1543. Zu übersetzen: „Über die Umschwünge der himmlischen Kugelschalen“, oder: „Über die Kreisbewegungen der Weltkörper“ (Einfügung des Autors nach: Lexikon der philosophischen Werke). Hannah Arendt berichtet, dass der Ausdruck Revolution beim Übergang in die politische Sprache zunächst ganz anders gebraucht wurde – im Sinne von Restauration, Wiederherstellung – so in England um und nach Cromwell bei der „Glorious Revolution“ 1688 (S. 13).

Auf den Punkt diskutiert Hannah Arendt die Ursachen, den Verlauf und die Folgen der Revolutionen in den USA und in Frankreich und zitiert die amerikanischen Verfassungsdenker ebenso wie die französischen Revolutionäre.

Condorcet wollte „das Wort revolutionär … mithin nur auf Revolutionen anwenden, die die Freiheit zum Ziel haben.“ (S. 11)

Nach John Adams sei die Revolution in den USA vollzogen gewesen, „bevor der Unabhängigkeitskrieg begonnen hatte“, weil die Bewohner der Kolonien „durch das Gesetz in Körperschaften zusammengefasst waren, die politischer Natur waren“, mit dem Recht, sich in „town halls zu versammeln, um dort über öffentliche Angelegenheiten zu beraten“; „in diesen Versammlungen der Städte und der ländlichen Bezirke wurde die Denkungsart des Volkes ursprünglich geformt“. (S. 18 – 19)

„Diese öffentliche Freiheit ist eine handfeste lebensweltliche Realität, geschaffen von Menschen, um in der Öffentlichkeit gemeinsam Freude zu haben – um von anderen gesehen, gehört, erkannt und erinnert zu werden. …“ (S.22)

„Die Männer der ersten Revolutionen wussten zwar sehr wohl, dass Befreiung der Freiheit voran gehen musste, waren sich aber noch nicht der Tatsache bewusst, dass eine solche Befreiung mehr bedeutet als politische Befreiung von absoluter und despotischer Macht; dass die Freiheit, frei zu sein, zuallererst bedeutete, nicht nur von Furcht, sondern auch von Not frei zu sein. …“ (S. 24)

In der Französischen Revolution, so Hannah Arendt, „stellte sich heraus, dass nicht nur die Freiheit, sondern auch die Freiheit, frei zu sein, stets nur das Privileg einiger weniger gewesen war. Aus dem gleichen Grund jedoch blieb die Amerikanische Revolution weitgehend folgenlos für das historische Verständnis von Revolutionen, während die Französische Revolution, die krachend scheiterte, bis heute bestimmt, was wir heute als revolutionäre Tradition bezeichnen.“ (S. 26)

In dieser Zusammenfassung kann nicht alles wiedergegeben werden, was Hannah Arendt zitiert von Machiavelli, Kant, Marx und Tocqueville, von Rosa Luxemburg und anderen, zu den deformierten oder abgebrochenen Revolutionen und ihren Folgen, – bemerkenswert ist ihre eigene Deutung von Geburt und Wiedergeburt, der Gebürtigkeit des Menschen:

„Und diese geheimnisvolle menschliche Gabe, die Fähigkeit, etwas Neues anzufangen, hat offenkundig etwas damit zu tun, dass jeder von uns durch die Geburt als Neuankömmling in die Welt trat. Mit anderen Worten: Wir können etwas beginnen, weil wir Anfänge und damit Anfänger sind.“ (S. 37)

In seinem lesenswerten Nachwort zur Entstehung und Argumentation des Essays sowie Hannah Arendts Denkweg führt Thomas Meyer „die Rede von der ‚Freiheit, frei zu sein'“, zurück auf Henry David Thoreau, aus: „Life without principle“, 1863, „Leben ohne Prinzipien“:

„Was bedeutet es, frei geboren zu sein, aber nicht frei zu leben? Welchen Wert hat politische Freiheit, wenn sie nicht Mittel ist für moralische Freiheit? Ist es die Freiheit, Sklave zu sein, oder die Freiheit, frei zu sein, auf die wir stolz sind?“ (S. 47)

Folgende Aufnahmen bitte anklicken zum Vergrößern:

Hannah Arendt: Die Freiheit, frei zu sein. Aus dem amerikanischen Englisch von Andreas Wirthensohn. Mit einem Nachwort von Thomas Meyer, dtv, München 2018

Verlag: https://www.dtv.de/buch/hannah-arendt-die-freiheit-frei-zu-sein-14651/

“The Freedom to Be Free”, in: Thinking Without a Banister. Essays in Understanding, 1953-1975, By Hannah Arendt. Edited by Jerome Kohn, Published by Schocken, Mar 06, 2018, ISBN 9780805242157

https://www.penguinrandomhouse.com/books/4712/thinking-without-a-banister-by-hannah-arendt/9780805242157/

 

Universales Lesen

Liebe Leser*innen,

lesen in der Universal-Bibliothek von Reclam. Herzlichen Glückwunsch zum 150. Geburtstag! Hier ein persönlicher  Beitrag.

     

Philosophie

Mein Lieblingstext und meist gelesenes Reclam-Heft ist Platons Gastmahl – über den Eros. Wie Sokrates und seine Freunde über die Liebe philosophieren – bleibt unvergleichlich. Diotima in der Schilderung von Sokrates: „Wohlan, ich will es dir sagen. Es ist nämlich ein Zeugen im Schönen, sei es im Leibe, sei es in der Seele“. (S. 79)

Platons Schüler und Kritiker Aristoteles eröffnet seine Metaphysik: „Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen. Ein deutliches Zeichen dafür ist die Liebe zu den Sinneswahrnehmungen …“ (S. 17)

Einmal hatte ich an den Reclam Verlag geschrieben und gebeten, Aristoteles‘ „Über die Seele“ heraus zu bringen, und wenige Jahre später freute mich die Ausgabe in Griechisch und Deutsch:

„Weil man die Seele hauptsächlich durch zwei unterschiedliche Merkmale bestimmt, nämlich durch Ortsbewegung einerseits und Denken, Begreifen und eine Art von Wahrnehmen andererseits, so scheinen auch das Denken und Beurteilen so etwas wie Wahrnehmen zu sein … “ (S. 139)

In Diogenes Laertius „Leben und Lehre der Philosophen“ finden sich viele Erläuterungen. Cicero war ein weiteres Lese-Erlebnis; er hatte die griechischen Erfahrungen ins Römisch-Lateinische übertragen und überliefert. „Es gibt ja kein Gebiet, auf dem die menschliche Tugend dem göttlichen Walten näher kommt, als wenn es gilt, neue Staatswesen zu gründen oder das Bestehen bereits gegründeter zu sichern.“ (Über den Staat, S. 23)

Marc Aurel schreibt in seinen Selbstbetrachtungen unter anderem: „Wer aber eine vernünftige, welt- und staatsbürgerliche Seele hochachtet, der hat kein anderes Interesse mehr, dagegen sucht er seine eigne Seele in vernünftiger und gemeinnütziger Verfassung und Tätigkeit zu erhalten und hierzu auch den Mitgenossen seines Geschlechts behilflich zu sein.“ (S. 87)

BERJAYA

Boethius‘ „Trost der Philosophie“ übersetzte das antike Denken ins Mittelalter: „Das vollkommene Gute aber, so haben wir aufgestellt, ist das vollkommene Glück. Das wahre Glück also muß notwendig in Gott, dem Höchsten, wohnen.“ (S. 103)

Was wären die Menschenrechte, unser Grundgesetz ohne die Menschenwürde, die Pico della Mirandola begründete: „Über die Würde des Menschen“: „Hochverehrte Väter! In den Schriften der Araber habe ich gelesen, der Sarazene Abdala habe auf die Frage, was sozusagen auf der Bühne dieser Welt als das Bewundernswerteste erscheine, geantwortet, nichts erscheine der Bewunderung würdiger als der Mensch.“ (S. 5)

So geht es weiter bei Jean-Jacques Rousseaus Gesellschaftsvertrag: „Ich bin als Bürger eines freien Staates geboren und Glied des Souveräns, und so schwach auch der Einfluß meiner Stimme auf die öffentliche Angelegenheiten sein mag – mein Stimmrecht genügt, mir die Pflicht aufzuerlegen, mich darin zu unterrichten.“ (S. 5)

Neuere Philosophie

Was hat die Universal-Bibliothek von Reclam alles zu bieten, darunter:

  • Schillers „Briefe zur ästhetischen Erziehung des Menschen“
  • Schellings „Über das Wesen der menschlichen Freiheit“
  • Schleiermachers „Über die Religion“
  • Marx und Engels „Manifest der kommunistischen Partei“
  • Thomas Nagel „Was bedeutet das alles?
  • Manuela Di Franco „Die Seele. Begriffe, Bilder und Mythen“
  • und so weiter und so fort …

Literatur

  • Ovid,  Liebeskunst
  • Apuleius, Das Mächen von Amor und Psyche
  • Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie
  • Johannes von Tepl, Der Ackermann und der Tod
  • Die Pegnitz-Schäfer. Nürnberger Barock-Dichtung
  • Wackenroder / Tieck: Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders
  • Johann Wolfgang Goethe, Faust
  • Friedrich Hölderin, Hyperion
  • Christoph Martin Wieland, Musarion
  • Heinrich von Kleist, Michael Kohlhaas

Theater

Über die älteren und neueren Theaterstücke gibt es ebensoviel zu erzählen – Reclam sei Dank. Seien es die antiken Dramen  von Sophokles, Euripides, Aischylos und Komödien von Aristophanes – oder Shakespeare und die Modernen.

"Chorführerin:
Der Ankömmlinge schützt, Zeus schaue herab
Auf unseren Zug, der zu Schiffe sich hob
Von den Dünen feinkörnigen Sands im Gemünd
Des Nils. Ist sein ja das Land auch
Aus Syriens Grenzen, aus dem wir entflohn, 
Nicht daß blutige Schuld durch das Urteil des Volks
Die Heimat zu meiden uns zwänge,
Nein, aus eigenem Trieb, vor den Männern zu fliehn,
Verschmähend die Eh' mit den Söhnen Aigypts
Und ihr göttermißachtendes Treiben. ..." 
Aischylos, Die Schutzsuchenden, S. 5

"Chor
Ungeheuer ist viel und nichts
Ungeheuerer als der Mensch. ...
Sophokles, Antigone, S. 18
"Die Welt scheint mir mitunter leer von Begriffen und das Wirkliche unwirklich. Dieses Gefühl der Unwirklichkeit, die Suche nach einer wesentlichen, vergessenen, unbenannten Realität, außerhalb derselben ich nicht zu sein glaube, wollte ich ausdrücken - mittels meiner Gestalten, die im Unzusammenhängenden umherirren und die nichts ihr eigen nennen, außer ihrer Angst, ihrer Reue, ihrem Versagen, der Leere ihres Lebens. Wesen, die in ein etwas hinausgestoßen sind, dem jeglicher Sinn fehlt, können nur grotesk erscheinen, und ihr Leiden ist nichts als tragischer Spott. Wie könnte ich, da die Welt mir unverständlich bleibt, mein eigenes Stück verstehen? Ich warte, daß man es mir erklärt.
Eugène Ionesco, Die Stühle. Der neue Mieter, Vorsatz

 

Reclam Leipzig

  • Albrecht Dürer, Schriften und Briefe, Leipzig 1978: „Die groß Kunst der Molerei ist vor viel hundert Johren bei den mächtigen Künigen in großer Achtbarkeit gewesen, dann sie machten die fürtrefflichen Künstner reich, hieltens wirdig, dann sie achteten solche Sinnreichigkeit ein geleichförmig Geschöpf noch Gott. Dann ein guter Maler ist inwendig voller Figur, und obs müglich wär,  daß er ewiglich lebte, so hätt er aus den inneren Ideen, dovan Plato schreibt, allbeg etwas Neus durch die Werk auszugießen.“ (S. 153)
  • Griechische Atomisten. Texte und Kommentare zum materialistischen Denken der Antike, Leipzig 1977
  • Sebastian Brant, Das Narrenschiff. Texte und  Holzschnitte der Erstausgabe 1494 …, Röderberg Verlag, Frankfurt am Main 1980 (Reclam Leipzig 1980)
  • und andere

Reclam Leipzig und Stuttgart schauen in die Welt

BERJAYA

Annemarie Schimmel war die Übersetzerin und Interpretin der arabischen und und persischen Literatur. Mehr davon bietet Reclam mit Al-Farabi und Ibn Kaldun.

Und sonst?

  • Das meist gebrauchte und zerfledderte ist bei mir das Fremdwörterbuch
  • In den Arbeitstexten für den Unterricht, deutsche Kurzgeschichten für das 9.- bis 10 . Schuljahr, mochte ich Heinrich Böll, „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“
  • Die „Leseliste“ bietet eine Anleitung mit 600 Titeln zum Weiterlesen
  • Im Universal-Notizbuch sammle ich Herbstgedichte …

Gute Wünsche dem Reclam Verlag und eindrucksvolle Bildungs-Erlebnisse allen Leser*innen

Bernd Arnold

 

Reclam Verlag: https://www.reclam.de/

 

Beautiful Fountain – Schöner Brunnen

In the Old Town of Nuremberg one of my beloved sights is the Beautiful Fountain at the Main Market Place. The medieval Fountain had been restored for quite a while recently, and a sunny day gives the opportunity to take some fresh photographs of it. Among fourty sculptures, in the first line we find the representatives of the seven liberal arts and philosophy:

  •  Donatus: Grammar
  •  Cicero: Rhetoric
  •  Aristoteles: Dialectic
  •  Nikomachus: Arithmetic
  •  Euklid: Geometry
  •  Ptolemaeus: Astronomy
  •  Pythagoras: Music
  •  Socrates: Philosophy.

Please click at anyone for the picture gallery:

Along with the restoration, not only the static of the fountain was secured and the colours have been refreshed, but also the well was set in function again. In medieval times, the fountain had an important role in water supply. In a transferred sense, the water well symbolizes the well of wisdom as it was and still may be found through philosophy.

If you ever come to see Nuremberg, take a look at the Beautiful Fountain. Blog followers are kindly invited to share a philosophical guided tour and their reflections.

 

 

Deutschstunde – German Lesson

An der heutigen Deutschstunde will ich Euch teilhaben lassen. Readers in English language please see down below.
Herr A. J. sprach an, dass er gestern eine erneute Duldung für drei Monate bekommen hat. Derzeit hat er einen Deutschkurs, und wir wiederholten und ergänzten seinen Schreibblock:
„Sein Nachbar muss zurück nach Afghanistan
Die Polizei ist gekommen
Sie hat ihn abgeholt
Die Polizei hat seinen Nachbarn nach München gebracht
Es gab eine Bomben
explosion in Kabul
Viele Menschen wurden getötet oder verletzt
Es gab Viele Tote und Verletzte“
Wir wiederholten den Text, die Sätze und Wörter mit Aussprache. Herr A. J. erzählte weiter – hier in meiner Formulierung und Wiedergabe:
„Das Flugzeug ist nicht abgeflogen.
Die Abschiebung ist ausgesetzt.
Der Nachbar ist zurück gekommen.“

 

Fotos zum Vergrößern anklicken.

English version:
At todays German Lesson, Mister A. J. told that his temporary suspension of deportation (Duldung) was prolongued for three months. He attends a German class, and we repeated his lesson and notices:
„His neighbour has to go back to Afghanistan
Police came
and took him away
Police took his neighbour to Munich
There was a bomb
explosion in Kabul
Many people were killed or hurt
There were many deads and injured“
Repeating the text, sentence and words with pronunciation, Mister A. J. continues the story – here in my words:
„The plane did not start off
The deportation was cancelled
The neighbour came back“

Pulse of Europe

Am Sonntag gab es wieder die Möglichkeit, Pulse of Europe  (Version in English language available there) – kennen zu lernen, die Bürgerinitiative für Europa. Sie ist in vielen Ländern und Städten tätig und versammelt dabei zahlreiche Bürger*innen, die sich für die europäische Idee sowie für friedliche und zivile Zusammenarbeit engagieren:

Unser Ziel und Beitrag

Wir sind überzeugt, dass die Mehrzahl der Menschen an die Grundidee der Europäischen Union und ihre Reformierbarkeit und Weiterentwicklung glaubt und sie nicht nationalistischen Tendenzen opfern möchte. Es geht um nichts Geringeres als die Bewahrung eines Bündnisses zur Sicherung des Friedens und zur Gewährleistung von individueller Freiheit, Gerechtigkeit und Rechtssicherheit.

Die Fotos der Galerie durch Anklicken vergrößern.

In Nürnberg trafen sich ein paar Hundert Teilnehmer*innen an der Lorenzkirche. Zunächst schwiegen wir eine Minute zur Anteilnahme für die Opfer des Terrroranschlags in London. Nachher sprach dazu ein britischer Redner. Die Pfarrerin von St. Lorenz erläuterte an diesem Pfingstsonntag, wie der Geist sprachliche Grenzen überwindet zu einer Verständigung – gerade auch im ökumenischen Sinne.

Die Initiatoren trugen den Offenen Brief der Initiative an Europäische Politiker vor, nachzulesen auf der Internet-Seite. Engagierte trugen zehn Thesen zu Europa vor, andere meldeten und kommentierten Nachrichten aus der europäischen Politik der letzten vier Wochen.

Mehrere Sprecher*innen kritisierten die Polizei-Aktion zur Abschiebung eines afghanischen Schülers aus seiner Schulklasse im Nürnberger Berufsschulzentrum vor einigen Tagen mit klarer Unterstützung der Versammlung.

Eine Sängerin gab den Ton an zu Carols Kings „You’ve got a friend“. Die Teilnehmer*innen bildeten ein Ypsilon als Buchstaben zu der europäischen Foto- und Filmaktion „We say hello – don’t say goodbye“ zum Beatles-Song „Hello, Goodbye“ in bezug auf den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union und die entsprechenden Verhandlungen.

Schließlich sangen wir die Ode an die Freude von Ludwig van Beethoven mit drei Versen von Friedrich Schiller – die Europa-Hymne. Eine Menschen-Kette zu den Tönen des Pulsschlages oder Herzschlages rundete die Versammlung ab.

Hier erinnere ich mich, wie wir Anfang der achtziger Jahre Woche für Woche freitags bei St. Lorenz einen „Schweigekreis für den Frieden“ bildeten. Der Protest richtete sich gegen die Nachrüstung mit den Mittelstreckenraketen. Die Friedensbewegung konnte nicht verhindern, dass sie aufgestellt wurden, hat wiederum mit ihrem Einsatz wesentlich dazu beigetragen, dass die betreffenden INF-Verhandlungen dazu führten, dass diese Waffen wieder abgezogen wurden. So lernte ich, dass Bürger-Engagement wirkt und mit entscheidet.

Den Initiator*innen von Pulse of Europe, aktiven und engagierten Teilnehmer*innen wünsche ich international, europäisch, bundesrepublikanisch und lokal in Nürnberg entsprechende Bildungserlebnisse, weiterhin viel Zuspruch, Gehör, Resonanz und Erfolg auf diesem Weg.

 

http://pulseofeurope.eu/