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Die Ahmadiyya-Bewegung im Islam wurde 1889 von Mirza Ghulam Ahmad (1855-1908)
in Indien gegründet. Anlässlich der Volkszählung des Jahres
1901 gab er seiner bis dahin ohne eine offizielle Bezeichnung (volkstümlich
wurde sie als Qadiyai oder Mirzai bezeichnet) existierenden
Bewegung den Namen Ahmadiyyat und empfahl seinen Anhängern sich
als Ahmadi-Muslims registrieren zu lassen. Die Zahl derer, die sich in die
Rubrik "Religion" als Ahmadi eintragen ließen, betrug ca. 50
000. Bis zum Tode von Mirza Ghulam Ahmad (am 27. Mai 1908) sollen über
eine halbe Million Menschen dieser Bewegung beigetreten sein. Angaben über
die Zahl ihrer Anhänger sind gegenwärtig sehr widersprüchlich.
Allein in Pakistan sollen sich laut Bekundungen des Oberhaupts der Ahmadiyya
über drei Millionen Menschen zu ihr bekennen. Diese Zahl dürfte
weit übertrieben sein. Einige zehntausend ihrer Anhänger leben in
Ost- und Westafrika und in Indonesien. Bedeutende Ahmadi-Gemeinden, vorwiegend
bestehend aus eingewanderten Pakistanis gibt es gegenwärtig in Großbritannien,
in der Bundesrepublik Deutschland und in den skandinavischen Ländern.
Trotz einer weltweiten Verbreitung darf nicht übersehen werden, dass
die überwiegende Mehrzahl der Ahmadis aus Panjab, also der Heimatprovinz
von Mirza Gulam Ahmad, stammt.
Die Frage danach, aus welchen sozialen und religiösen Schichten die
Ahmadis stammen, vor allen Dingen diejenigen, die in der Gründungsphase
sich dieser Bewegung anschlossen, ist nicht allzu schwierig zu beantworten.
Die ersten Adressaten von Mirza Gulam Ahmad waren die Anhänger der Ahl-i
Hadith, aus deren Mitte er selber stammte und zu deren Publikationsorganen
er Zugang hatte. Aus diesen Kreisen erhielt er auch anfänglich Unterstützung
und Ermutigung dafür, daß er die Reihe seiner Schriften fortzusetzen
sollte. Gelesen wurden seine Bücher vorwiegend von einer kleinen Gruppe
von Muslimen, die gebildet genug waren, um seine recht komplizierte Sprache
zu verstehen. Er pflegte von Zeit zu Zeit Wandposter zu verfassen sowie Handzettel
verteilen zu lassen. Er bediente sich einer wirksamen Werbemethode des Schockens
und Beleidigens. Er griff Hinduautoren und christliche Missionare an und
prophezeite ihren unehrenhaften Tod in vorhergesagtem Zeitraum. Dadurch versuchte
er sich zum Verteidiger des Islam Nummer eins in Indien zu etablieren. Indem
er seine Gegner zu öffentlichen Diskussionen herausforderte, gelang es
ihm, die Aufmerksamkeit der Muslime auf sich zu lenken.
Ebenso wirksam war sein anfänglicher Anspruch, ein Erneuerer des Islam
(Mudschaddid) zu sein, dem Gott durch zahlreiche Offenbarungen (ilham)
in seinem Kampf gegen den Irrglauben zur Seite stand. Mirza Ghulam Ahmad
veröffentlichte zu dieser Zeit sein Buch Barahin-i Ahmadiyya
in jährlichen Bänden, das unter anderem einige seiner Offenbarungen,
die dem Autor zuteil geworden waren, im Wortlaut wiedergibt. Daran nahm niemand
Anstoß. Im Gegenteil, diese Tatsache wurde von einigen namhaften Gelehrten
aus den Reihen von Ahl-i Hadith besonders hervorgehoben, als ein Beweis
dafür, daß der Islam auch heute noch im Stande sei, Menschen hervorzubringen,
denen die göttliche Offenbarung zuteil wird.
Die ersten skeptischen Stimmen wurden laut, nachdem Mirza Ghulam Ahmad sich
als Mahdi (Rechtgeleiteter) bezeichnete und angeblich auf Drängen
seiner Freunde ein Datum festsetzte, um öffentlich die Bai'a
(Huldigung) entgegen zunehmen. Am ersten Tag waren es vierzig Personen, die
den Akt der Bai’a vollzogen. In Anlehnung an die 313 Geführten
des Propheten Muhammads, die bei der Schlacht von Badr mit den Propheten
zusammen den angreifenden Mekkanenern gegenüberstanden, legte Mirza
Ghulam Ahmad ein Register an, in dem er Namen von besonders wichtigen Persönlichkeiten
eintrug, die sich seiner Gemeinde anschlössen. Es handelt sich hierbei
nicht um die ersten 313 Personen, die den Akt der Bai’a vollzogen,
sondern um Persönlichkeiten der ersten zahn Jahre, die seiner Gruppe
beitraten. Ein Blick auf diese Liste zeigt, daß unter den Eingetragenen
außer Maulavi Nur al-Din keine Namen von prominenten islamischen Gelehrten
zu finden sind. Mirza Ghulam Ahmad unternahm wiederholt Reisen nach Delhi
und zu anderen Orten, um namhafte muslimische Gelehrte zur Diskussion aufzufordern,
wovon er sich einerseits die Popularität bei den Muslimen versprach,
andererseits hegte er die Hoffnung, irgendwelche Gelehrte auf seine Seite
ziehen zu können.
Mirza Ghulam Ahmad bezeichnete sich selbst ab 1893 als den Wiedergekehrten
Propheten 'Isa (Jesus Christus) Viele Muslime haben zwar tatsächlich
auf die Geburt des Mahdi und die Wiederkehr von 'Isa gewartet,
aber niemand vor Mirza Ghulam Ahmad hatte ihr Erscheinen in einer Person
angenommen. Die Mehrzahl der Muslime hielt damals noch an der Vorstellung
fest, dass Gott den Propheten 'Isa vor dem Kreuztod gerettet und ihn
zu sich genommen habe, wo er zu seiner Rechten sitze und eines Tages vom
Himmel herabsteigen werde. Nachdem Mirza Ghulam Ahmad sich nun die Wiederkehr
des Propheten 'Isa genannt hatte, war er gewissermaßen gezwungen,
sich auch wie jener als Prophet zu bezeichnen. Damit überschritt er
bei den Muslimen die Schwelle des Ertragbaren und wurde fortan von islamischen
Gelehrten aus allen Richtungen abgelehnt. Auch diejenigen, die bis dahin
ein gewisses Wohlwollen für ihn hegten, gesellten sich nun zu seinen
Kritikern.
Mirza Ghulam Ahmad versuchte später seinen Anspruch auf das Prophetentum
(Nubuwwa) abzuschwächen, in dem er sich als einen Sekundärpropheten
(Zilli Nabiy) bezeichnete, der kein neues Gesetz (Schari’a)
verkünden will, sondern voll und ganz die islamische Schari’a
anerkennt. Auch dieser Rückzieher konnte die Muslime nicht mehr freundlich
stimmen. Es rollte bereits eine Lawine von Fatwas (religiöse Gutachten)
gegen ihn und seine Bewegung, worin den Muslimen empfohlen wurde, mit den
Ahmadis jeden Kontakt zu vermeiden und die gemeinsame Gebetsverrichtung,
bis hin zum Totengebet (Namaz-i Janaza) einzustellen.
Als Antwort darauf erließ auch Mirza Ghulam Ahmad eine Anordnung,
durch die er seinen Anhängern verbot, ihrerseits am Gebet teilzunehmen,
wenn es von einem Gegner der Ahmadiyya geleitet wurde. Er ging langsam dazu
über, alle, die ihm nicht als Imam huldigten, als Kafir (Ungläubig)
zu bezeichnen, mit denen ein Ahmadi nichts zu tun haben sollte. Insbesondere
war davon der familiäre Bereich betroffen, denn eine Heirat zwischen
einer Frau aus einer Ahmadifamilie und einem Nichtahmadi fiel unter dieses
Verbot. Mirza Ghulam Ahmad wollte damit wohl die Eingrenzung seiner Gemeinde
gegenüber den übrigen Muslimen erreichen, um die innere Bindung
der Ahmadiyya zu festigen. Gleichzeitig sollten dadurch Freunde wie Feinde
zur Einnahme einer klaren Position im Bezug auf die Ahmadiyya gezwungen werden.
Ohne Zweifel wurde dieses Ziel erreicht, aber gleichzeitig wurde durch die
strikte Einhaltung des Verbots, die Ahmadiyya in die Isolation getrieben,
aus der kein Entrinnen mehr möglich war. Danach entwickelte sich die
Ahmadiyya immer mehr in eine Randgruppe des indischen Islam, der die Wahrung
der Eigeninteressen oft wichtiger war, als die Belange der Gesellschaft.
Man verstand sich zwar weiterhin als ein Teil der muslimischen Gemeinschaft
und war auch bereit, mit ihr das politische Schicksal zu teilen, trotzdem
wollte und konnte man die Konfrontation nicht abbauen.
Die äußerst gespannte Atmosphäre, die bereits zu Lebzeiten
von Mirza Ghulam Ahmad zwischen seiner Gemeinde und den übrigen Muslimen
in Indien herrschte, eskalierte sich weiter nach seinem Tod, insbesondere
während des Kalifats seines Sohnes Mirza Bashir al-Din Mahmud Ahmad (er
wurde im Jahr 1914 als Nachfolger des ersten Kalifen Maulawi Nur al-Din gewählt
und bis zu seinem Tod in 1965 dieses Amt inne hatte). Die Ahmadiyya nahm
immer mehr die typischen Merkmale einer religiösen Minorität an,
was einerseits zur Folge hatte, dass die Ahmadiyya sich in eine ungeheuer
dynamische Gruppe verwandelte, die von den Willen getragen wurde, sich zu
behaupten. Andererseits gab ihr Sozialverhalten immer mehr Anlass zur Kritik.
Mirza Ghulam Ahmad, der für die Verbreitung seiner Schriften und den
Aufbau der Ahmadiyya auf Spenden angewiesen war, die anfänglich sehr
sporadisch flossen, verstand es meisterhaft, die wirtschaftliche Basis der
Organisation, wie auch die seiner Familie zu festigen. Er ermunterte seine
Anhänger, ihren Wohnsitz nach Qadiyan zu verlegen. Dadurch wurde Arbeitspotential
und häufig auch Kapital dorthin transferiert. Er hatte selber einen unmittelbaren
Nutzen vom Zuzug tausender Familien in seinem Dorf. Die Preise seines Landbesitzes,
aus der nun Bauland wurde, stiegen unaufhaltsam. Durch diesen Umstand, aber
auch durch die Ausnutzung weiterer finanzieller Möglichkeiten, die später
durch die Organisation der Ahmadiyya hinzukamen, konnte die verarmte Familie
von Mirza Ghulam Ahmad für sich einen bleibenden Wohlstand sichern.
Mirza Ghulam Ahmad stammte, wie bereits erwähnt, aus der streng puritanischen
Richtung der Ahl-iHadith, die unter anderem gegen vererbbare
religiöse Einrichtungen (Gaddi) eingestellt ist. Daher wies Mirza
Ghulam Ahmad jeden Verdacht ab, eine vererbbare Gaddi gründen
zu wollen. Trotzdem war er vom ersten Tag an bestrebt die Ahmadiyya auf eine
dauerhafte Basis zu stellen. Für diesen Zweck entwarf er einen Organisationsplan,
der die Errichtung einer zentralen Organisation (Sadr Anjuman Ahmadiyya)
vorsah. Sie nahm ihre Arbeit 1906 auf. Zu ihren Aufgaben gehört die
Verwaltung von Vermögen der Ahmadiyya, die Herstellung und Verbreitung
von Literatur, sowie die Vorbereitung von Missionaren (früher nannte
man sie Muballagh, gegenwärtig heissen sie Murabbi) und
deren Einsatz innerhalb Pakistans. Dagegen unterstehen Missionare für
den Einsatz im Ausland der Anjuman Tahrik-i Jadid, die 1934 vorerst
für drei Jahre ins Leben gerufen wurde. Der äußere Anlass
war eine Großangelegte Kampagne der Majlis Ahrar-i Islam gegen
die Ahmadiyya. Nun wollte die Ahmadiyya ihrerseits ihre Tätigkeit dorthin
verlegen, wo sie konkurrenzlos war, also im Ausland. Am Ende der drei Jahre
wurde die Frist auf zehn Jahre erweitert. Erst als diese Frist abgelaufen
war, wurde Tahrik-i Jadid als eine Dauereinrichtung erklärt,
da es sich herausstellte, dass die Missionstätigkeit im Ausland eine
länger fristige Angelegenheit war. Wie bereits oben erwähnt, gehört
die Inlandsmissionierung zu den Aufgaben von SadrAnjuman Ahmadiyya,
die sich im Wesentlichen damit begnügt, Vorbeter für den Bedarf
von städtischen Ahmadi-Gemeinden auszubilden. Da aber die eigentliche
Bekehrung in nennswertem Umfang nur noch auf dem Lande stattfand, entschloss
man sich 1955 zur Gründung einer weiteren Organisation mit den Namen
Waqf-i Jadid. Damit ist gewissermaßen die Inlandstätigkeit
zwischen der Sadr Anjuman Ahmadiyya und dem Waqf-i Jadid geteilt.
Eine ähnliche Einteilung gibt es seit ein paar Jahren zwischen der AnjumanTahrik-i Jadid und der neu gegründeten Nusrat Jahan Fund.
Es gehört zu den Aufgaben der letztgenannten Fonds, für die Weltweite
Verbreitung des Korans zu sorgen.