Luanda - Vor nicht allzu langer Zeit war die Avenida Commandante Valódia noch eine recht beschauliche Straße. Heute herrscht auf ihr das Verkehrsinferno. Eine unendliche Blechschlange kriecht vorbei, Tankzüge, Gifttransporter, Zementlaster, dazwischen chromblitzende Geländewagen, Prado, Nativa, Humvee, die neuesten, die teuersten Modelle. Ganz Luanda erstickt im Dauerstau, Abgase verdüstern den Tropenhimmel, der Balkon unserer Pension ist rußverklebt. Der Ölrausch und der Autowahn: Von hier oben kann man sie besichtigen, die Folgen der letzten Verteilungsschlacht um fossile Energie. In Angola wird sie, wenn die Hochrechner richtig liegen, noch ungefähr dreißig Jahre dauern. Dann sind die Blasen in der Tiefsee leer, und man wird wissen, ob das schwarze Gold ein Fluch oder ein Segen für das Land war. Ölförderung in Angola BILD

Aber jetzt regiert erst einmal confusão, das große Durcheinander. Luanda wächst so explosiv und so anarchisch wie keine andere Hauptstadt in Afrika. Überall schießen Hochhäuser aus dem Boden, Kräne kreisen rund um die Uhr, Abertausende von Bauarbeitern sind im Einsatz. Die Banken pflastern ihre Vorplätze mit schwarzem Marmor, und die Tankstellen des staatlichen Ölkonzerns Sonangol leuchten wie Götzentempel. Ein Liter Benzin kostet weniger als eine Flasche Mineralwasser. Die Mieten sind astronomisch, 10000 Dollar und mehr für ein Haus, pro Monat. Und bei der Fahrt durch Luanda Sul traut man seinen Augen kaum: Da entsteht eine postmoderne Retortenstadt für vier Millionen Menschen, mit Shopping-Malls und luxuriösen Wohnfestungen wie in Amerika.

Das prächtigste Gebäude aber ist die Nationalbank im Zentrum, eine Barockzitadelle aus der portugiesischen Kolonialzeit, in der die Währungsreserven ruhen, derzeit circa vier Milliarden Dollar.

Nach einem Bürgerkrieg, der mit kurzen Unterbrechungen fast dreißig Jahre dauerte, ist Angola mit einer Tagesförderung von 1,4 Millionen Fässern zum zweitgrößten Ölproduzenten Afrikas aufgestiegen. Der Staat schwimmt in Petrodollars, und seine Eliten trumpfen entsprechend auf. Denn ihr dünn besiedeltes Land – 13,5 Millionen Einwohner auf der fünffachen Fläche von Großbritannien – hat nicht nur reichlich Öl, sondern auch noch jede Menge Diamanten und ein enormes Agrarpotenzial. Es hat also alle Entwicklungschancen, die es sich wünschen kann. Und obendrein springt ihm ein mächtiger Partner bei: China. Angola lieferte dem energiehungrigen Riesen in diesem Jahr mehr Öl als Saudi-Arabien. Im Gegenzug gewährt Peking Milliardenkredite, von denen 70 Prozent für Großaufträge postwendend ins Reich der Mitte zurückfließen. Überall sieht man chinesische Brigaden, die Straßen, Bahntrassen oder Telefonnetze bauen, zugleich überschwemmen Billigwaren made in China den Markt. Konkurrenten aus Europa und Amerika warnen neuerdings vor dem »gelben Neokolonialismus« – als ob ihre Ölmultis Elf, Chevron, Agip oder BP nur der Wohlfahrt wegen im Lande wären. Selber schuld!, halten ihnen die Angolaner entgegen. Sie hätten nach dem Krieg auf eine Art Marshall-Plan des Westens gehofft, aber nichts sei geschehen. Und von der Weltbank mit ihren strengen Konditionen lasse man sich nicht mehr gängeln. Die neuen Freunde aus China schrieben den Angolanern nichts vor und mischten sich nicht ein.

Angola Avante!, Vorwärts Angola!, prangt auf einem Großplakat neben dem Porträt des Präsidenten Eduardo dos Santos. Das hat man in Afrika doch schon einmal so ähnlich erlebt, in Nigeria, in den 1970er Jahren.

Bauen! Baggern! Betonieren! hieß die Parole damals. Wir haben Öl, wir können uns alles leisten, Großflughäfen und zwölfspurige Autobahnen, schlüsselfertige Universitäten und pharaonische Kongresszentren. Das wie eine Mondrakete aufragende Monument für den Staatsgründer Agostinho Neto symbolisiert die angolanische Gigantomanie. Die Menschen, die in seinem Schatten an der Praia do Bispo leben, müssen es als Hohn empfinden. Ihre Bucht erstickt im Müll, die Abwasserkanäle zwischen den Elendshütten sind tödliche Kloaken. Hier sterben Kinder an Cholera, während draußen, auf der Halbinsel namens Ilha, die Schönen und Reichen mit Hummern um sich werfen. Die Gegensätze sind obszön, und der Ölrausch verschärft sie.

Die sieben wohlhabendsten Angolaner sind eng mit der Regierung verbandelt