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Stotzweiher

31 Dez
BERJAYA

Niemand möge bitte auf die Idee kommen, wir könnten diesem flächenhaften Naturdenkmal wie einem Baum oder einem Felsen in der Landschaft begegnen, oder glauben, dieses flächenhafte Naturdenkmal wäre wegen seiner Besonderheit von vorne herein eine touristische Attraktion, die man möglicherweise auch noch in Gruppen erwandern könnte.

BERJAYA

Jenes flächenhafte Naturdenkmal in Mannheim, von dem wir hier reden, hat so rein gar nichts mit unserer romantischen Vorstellung von Natur und auch nichts mit unserer gewöhnlichen Vorstellung von Denkmal zu tun, unsere Vorstellung zum Beispiel, dass ein Denkmal wie ein Bild in einem Museum betrachtet werden könnte, nein, es kümmert sich in keiner Weise um solche Vorstellungen, es reicht diesem Denkmal völlig aus, sich selbst, das heißt, die Fläche selbst zu sein, wenn dort die Natur, die ihr entsprechende, besondere Eigenart entfalten kann. Welche Eigenart das ist, verschließt sich uns aber durch dichten Baumbewuchs an den Hängen der ehemaligen Baggergrube und der See, der sich aus Grundwasser speist, ist nur zu erahnen und von seinen Fischen wie Rotauge, Rotfeder oder Sonnenbarsch gibt es für uns Außenstehende ohnehin keine Spur. Wenn Bäume und Gebüsch im Sommer ihr Blattwerk voll entfaltet haben, liegt der See umso verschlossener und die Sträucher und Bäume neigen und verästeln sich, als müssten sie Dornröschen behüten. Selbst die vorbeiführende Brücke, von der man glaubt, sie böte von ihrem erhöhten Standpunkt einen guten Einblick erweist sich als Aussichtspunkt ungeeignet, man blickt auf hohe Schornsteine und die umliegenden Industriegebäude, denn wieder nehmen Bäume die Sicht auf das Gewässer. Als sei dies nicht Schutz genug, wurden Maschendrahtzäune rings herum gestellt und als diese zertreten wurden, ein festes, zwei Meter hohes aus Doppelstabmatten gefertigtes Zaungitter rund um die Fläche installiert. Beschämt stellt man dann aber fest, dass es dieses Schutzes der Natur bedarf, verdeutlichen der am Zaun abgelegte und von ihm abgewehrte Müll und die durch den Wind hineingetragene Abfälle, die sich im Gebüsch verfangen haben, dass hier Mensch und Natur einen Kampf führen und der Zaun um den ehemaligen Baggerweiher herum eine für die Natur zum Überleben wichtige Grenze darstellt. Eine namenlose streunende und jagende Katze allerdings kennt Schlupflöcher und weiß, was sie dort unten am Ufer zwischen Wiesen-Kerbel, Weideröschen und Wirbeldost finden kann und für diese Katze ist es auch möglich, den Weiher zu umrunden. Für Menschen nicht, denn auf der Westseite führen zwei Eisenbahngleise an der Uferböschung vorbei, die wegen der tödlichen Gefahr durch fahrende Züge nicht betreten werden sollten. So läuft man vom Wendeplatz der Eisenbahnstraße kommend, vorbei an einer Reihe abgestellter Siloanhänger den Zaun entlang, immer wo möglich den Blick auf die Seefläche gerichtet. Doch von außen mag kein deutliches Bild gelingen und auch die zuständige Landesanstalt für Umwelt findet in ihrem Steckbrief zum flächenhaften Naturdenkmal 82220000048 zur Beschreibung keine Worte. Erst wenn man an der Längsseite ganz entlang gelaufen ist und nach rechts den Weg einschlägt, ergibt sich durch ein verriegeltes Einfahrtstor eine etwas freiere Sicht und ein am schmucklosen Tor angebrachtes Schild enthält überraschend den Hinweis, dass Angeln nur mit Erlaubnis des Angelsportvereins Neckarau 1954 e.V. gestattet ist. Doch nun, vor dem Tor, wenn der knapp drei Meter tiefe See halb umrundet, und die bewachsenenen Böschungen rechts und links sichtbar sind, scheint es, als wäre es möglich, dass im Wasser des Weihers entgegen aller Physik sich die Kreise zuerst von außen nach innen bilden und erst hernach in die Mitte ein Stein hineingeworfen wird, scheint es möglich, dass hier eine Zeitmaschine verborgen und beschützt wird, scheint es möglich, dass der Zaun nicht nur den See schützt, sondern dass umgekehrt das umliegende Gelände durch den Zaun vor den gewaltigen Kräften der Natur geschützt werden muss, eine Natur, die, lange bevor es ein Mannheim gab, lange bevor es Neckarau gab, die Flächen beherrschte.

BERJAYA

Stotzweiher
68199 Mannheim

(523) 12.2025

Tattersall

4 Dez
BERJAYA

Sogar jemand, der von Kindheit an in Mannheim mit dem Wort Tattersall vertraut ist, als wäre es Milch oder Brot, stellt sich irgendwann Fragen über Herkunft und Bedeutung dieses seltsamen Wortes, das sich im alltäglichen Sprachgebrauch heute nirgends woanders wiederzufinden scheint, außer eben hier in Mannheim, wo in Straßenbahnen von einer elektronisch bearbeiteten Frauenstimme über Lautsprecher zwischen Wasserturm und Hauptbahnhof die Haltestelle und Umsteigemöglicheit Tattersall ausgerufen wird. Tatsächlich aber ist der Tattersall kein Mannheimer Unikat, wenigstens was den Begriff angeht, denn es finden sich in Brandenburg, Bochum, Wiesbaden etc. weitere Tattersalle, die in ihrer Funktion vor etlichen Jahren der Geschäftsidee eines gewissen recht erfolgreichen Briten namens Richard Tattersall (1724–1795), genannt „Old Tatt“ und seiner Nachfahren folgten. In Mannheim war der Tattersall an dieser Stelle einst ein großes Backsteingebäude mit Reithalle und funktionierte wohl ähnlich einer Mietwagenstation als Pferde- und Kutschenverleih.

Zurück blieb aus dieser Geschichte von 1900 einzig der Name und so wenden wir uns nun der Jetztzeit zu, allerdings nicht ohne zuvor wenigstens in Kürze dem legendären Jazzcorner aber auch dem ebenso legendären Bistro zu gedenken, jenem Treffpunkt der Halbwelt mit Schanklizenz und Pommes, der hier am Tattersall nachts wie morgens in den 1970er Jahren armen umherirrenden und geschundenen Seelen Anlaufstelle und Treffpunkt bot.
Jazzcorner wie Bistro sind am Tattersall nur noch ganz und gar geistig existent, während die unter Denkmalschutz stehende Wartehäuschen-Anlage, im Stil der Neuen Sachlichkeit errichtet und in der Form an einen Löffelbisquit erinnernd, noch heute das markante und gebührende Ausrufezeichen zum Tattersall setzt. Straßenbahnen die vom Ring einbiegen, fahren hier entweder in die Vororte Neuostheim, Neuhermsheim weiter, oder nehmen die etwas südlichere Richtung nach Neckarau, Rheinau, in jedem Fall durch die Schwetzinger Stadt, die so gesehen, hier ihrem Anfang nimmt.

BERJAYA

Aber das Gefühl eines Anfangs könnte auch das Gefühl eines Endes sein, in das die beschauliche Seckenheimer Straße mündet, denn in die andere Richtung bewegen sich die Bahnen entweder zum Wasserturm oder zum Bahnhof hin, sodass wir den Tattersall am ehesten als eine Art recht zentrale Kreuzung empfinden werden, die jedoch in keiner Weise touristisches Interesse im herkömmlichen Sinne zu erregen vermag. Vielmehr ist der Ort von verschiedenen Notwendigkeiten geprägt, seien es gelb blinkende Warnlichter, Absperrungen, Bordsteine, sei es, dass auf die Straßenbahn gewartet werden muss, oder dass man auf direktem Weg zum Bahnhof unterwegs ist, dass die nahe gelegene Schule ihren Schülern eine Mittagspause gewährt, Berufstätige nach Feierabend ihren Einkauf erledigen, Süchtige sich Tabak oder Alkohol im Lidl beschaffen, der hier viel zu eng ist, aber eigentlich nur, weil so viele Leute hineindrängen, sodass Security bereit steht, die auch für Ordnung bei den Einkaufswägen sorgt und auch, dass keiner dieser Wägen herausgelangt, denn hier gibt es im Gegensatz zu den Vororten keinen Parkplatz, jeder trägt Tüten oder Gepäck und in dieser Enge und dem Gedränge erwirkt vieles, die Gesichter, die Kleidung, die Haltung der Menschen, aber auch die umgebende Architektur den Anschein, es herrsche allgemein nur schlecht bezahlte Lohnarbeit, relative Armut und Drogensucht mit all ihren Folgen. Allein die äußerst professionell geführte Textilreinigung Höh gegenüber vermag diesem Eindruck ein Stück weit etwas entgegen zu setzen. Zwar ist das weiß gestrichene Haus durch Bombenabwurf in der Höhe mindestens halbiert, korrespondiert aber mit seiner Rundecke bestens mit dem Wartehäuschen. Der große hellblaue und klare Schriftzug Höh erweckt Vertrauen, dass die hierher gebrachten Businesshemden tatsächlich frisch und gebügelt wieder zurückkommen. Etwas weiter unten gelegen, und die Schwetzinger Straße führt an dieser Stelle wirklich hinab, was sich schon an der schräg höher werdenden Mauer abzeichnet, die eine Außenterrasse umgrenzt, welche das dazugehörige Persische Restaurant Bustan möglicherweise aus Kostengründen etwas vernachlässigt hat und die von dieser Seite kommend auch nur über einige Treppenstufen zu erreichen wäre, würde nicht ohnehin eine Kette den Zugang verhindern, etwas unterhalb also befindet sich nun endlich eine kleine italienische Bar, allerdings weit entfernt davon, dem glanzvollen Idealbild einer italienischen Bar aus diversen Werbungen zu entsprechen, aber mit dem Schriftzug Cafe La Bettola, einer simplen Außenbestuhlung und einer Kaffeemaschine im Inneren ausreichend ausgestattet, um dem Leben an diesem Ort etwas Würde, Ruhe und Müßiggang zurückzugeben.

Tattersall
68167 Mannheim

(522) 12.2025

Hermann-Heimerich-Ufer

21 Nov
BERJAYA

Stell dir vor, du bist Oberbürgermeister von Mannheim. Es ist 1933. (Kann man sich schwer vorstellen) Stell dir vor, in den Quadraten zieht eine gewaltbereite Schlägertruppe der SA auf und versammelt sich am Rathaus. Stell dir vor, die Schlägertruppe verbrennt die schwarz rot goldene Fahne der Republik. Stell dir vor, sie verlangen von dir, die Hakenkreuzfahne am Rathaus zu hissen. Stell dir vor, du weisst, dass das Hakenkreuz kein Symbol für demokratische Werte ist. Stell dir vor, du weigerst dich. Stell dir vor, du weisst, wenn du es nicht tust, bis du deinen Job los, obwohl du rechtmäßig gewählt wurdest. Stell dir vor, sie bedrängen dich grob. Stell dir vor, du weisst, wenn du es nicht tust, landest du für eine Weile im Gefängnis. Stell dir vor, wenn du es nicht tust, weisst du nicht, was sie sonst noch mit dir anstellen. Stell dir vor, du weisst, wenn du es nicht tust, tut es ein anderer. Stell dir vor, du tust es trotzdem nicht. Ehrenmann.

Hermann-Heimerich-Ufer
68167 Mannheim

(521) 11.2025

Zwei Japanische Schnurbäume

18 Nov
BERJAYA

Nie kam es ihnen in den Sinn, etwas darstellen zu wollen. Sie waren ja auch nicht verantwortlich, dass vor ihnen zwei Wege zusammenführten und hinter ihnen sich der Weg wieder teilte, dass sie sich also genau an der Zusammenführung zweier Wege gegenüber standen, der eine rechts, der andere links, der Weg in der Mitte, schließlich wurden sie gepflanzt und haben sich nicht selbst ausgesät. Sie wollten auch nicht darstellen, wie faszinierend die japanische Flora und Fauna sein kann, es kam ihnen nicht in den Sinn, möglicherweise als eine Modeerscheinung fernöstlicher Begeisterung dazustehen, Anmut und Leichtigkeit bei aller Schwere zu verkörpern, dass ihre Äste an einen vielarmigen Tempeltanz erinnern. Nein, sie wollten, da sie nun vor gut 120 Jahren an diese Stelle gepflanzt wurden, einfach wachsen, sich verästeln, sich verzweigen und zueinanderkommen. Dass sie jetzt ein wunderbares Tor als Eingang zum Unteren Luisenpark bilden, dass sie jetzt unter Schutz stehen, jeder als Einzelgebilde, dabei sind sie doch zwei, dass sie weiter zum Himmel streben, dass manche sie als Symbol der Liebe und Zuneigung betrachten, dafür können sie doch nichts.

Zwei Japanische Schnurbäume
Im Unteren Luisenpark
68165 Mannheim

(520) 11.2025

Nebenius-Block

17 Nov
BERJAYA

Die Urinabgabe war wohl noch das Lustigste an der ganzen Prozedur, die sich unter dem Begriff Wehrmedizinische Begutachtung, kurz Musterung, in der Nebeniusstraße abspielte, in jener durch ihre markante rote Backsteinfassade ins Auge fallende, im Stil der Neuen Sachlichkeit also in den späten 1920er Jahren, im neuen Stadtteil Wohlgelegen errichteten Blockbebauung, in dessen Räume sich fünfzig Jahre nach ihrer Erbauung, (sie blieb im Krieg unzerstört) das Kreiswehrersatzamt für eine Weile einquartierte. Manche der durch amtliche Briefe einbestellten Jungs wetteiferten um die größte Menge und brachten es fertig, ihr mitgebrachtes Schraubdeckelglas, in dem wohl ursprünglich Erbsen und Karotten konserviert waren, nahezu randvoll mit Urin zu füllen. Ein harmloser Ungehorsam, der etwas von der Spannung nahm, die spürbar in den Räumen lag. Zwar rief man Namen auf, doch noch war der zu Bemusternde kein Bürger in Uniform. Er war noch überhaupt kein Bürger. Der Körper solle den nächsten Raum betreten. Der Körper solle nackt sein. Der Körper und seine Verwendung waren von amtlichen Interesse. Statur, Gewicht, Größe. Das Rektum, die Hoden, das Glied. Nach der Ordnung. Die Palpation durch den weiß Bekittelten wurde nicht angekündigt, wurde vollzogen, ohne Erklärung, stattdessen Anweisungen, denen der Körper zu gehorchen hatte. Die Erkenntnisse wurden sofort laut diktiert und von einer weiteren an einem Tisch sitzenden Person notiert, um Kraft des Amtseids und im Namen des Volkes den Grad der Verwendbarkeit des bemusterten Körpers zu bestimmen. Durch eine Tür gelangte man in den nächsten Raum. Vor einer großen Deutschland Fahne, die etwas improvisiert an der Wand hing, saßen drei Uniformierte im Dienst der freiheitlich demokratischen Grundordnung hinter einer zusammengestellten Tischreihe, davor ein einzelner Stuhl, der mit vier Meter Entfernung in deutlicher Distanz zu ihnen aufgestellt war, stand der eben noch Nackte, Bemusterte, Duldungspflichtige, Unfreiwillige, der sodann auf diesem Stuhl in dieser deutlichen Distanz Platz zu nehmen hatte und für die Offiziere sehr klein wirken musste, saß er also in seiner ganzen Jämmerlichkeit um vom wortführenden Offizier mit disziplinierender Strenge im Tonfall nach geltender Vorschrift abschließend belehrt zu werden. Demokratie ist kein Denkmal.

Nebenius-Block (ehem. Unterbringung Kreiswehresatzamt)
Nebeniusstraße 3, 68167 Mannheim
(519) 11.2025

Buche im Unteren Luisenpark

11 Nov
BERJAYA

Als ständen zwei Bäume beieinander, so erscheint eine mächtige Buche beim Blick über den Rasen und tatsächlich sehen wir, wenn wir nur nahe genug herankommen, ihren in kräftige Wurzeln übergehenden Stamm schon kurz oberhalb des Bodens zweigeteilt. Im Park, abseits vom Straßenverkehr und mit genügend Erdreich für die Wurzeln konnte der Baum seine Pracht entwickeln und zählt nun zu einem der sechs Naturdenkmale, die im Unteren Luisenpark leben. Seit 2016 steht die Buche unter Schutz und wird als Einzelgebilde-Naturdenkmal 82220000068 Blut-Buche aufgeführt: Hierzu heißt es im Register der Naturschutzbehörde: Die Buche bildet mit ihrem rötlichen Blattwerk einen ungewöhnlichen Blickfang im Unteren Luisenpark. Als Solitär auf einer Wiese stehend, untermalt sie diesen Eindruck durch eine unglaubliche Farbenpracht im Herbst. Mit einem Alter von 100 Jahren und einem Umfang von 330 cm ist dieser Baum kerngesund. Dieser zu den Buchengewächsen (Fagaceae) gehörende Baum ist 20 m hoch. Damit hat er seine genetisch festgelegte Höhe noch lange nicht erreicht.

Wieso nun hat die Blutbuche aber auch grüne Blätter? Der rote Farbstoff in den Blättern zerfällt während der Sommermonate durch das Sonnenlicht, sodass schließlich das im Blatt befindliche Grün, bekannt als Chlorophyll, überwiegt, bis im Herbst eben dieses Chlorophyll beginnt, aus den Blättern zum Stamm hin zu strömen und nun wiederum andere Stoffe im Baumblatt eine bunte Färbung erzeugen. Im Frühjahr sollte die Blutbuche mit neu gebildeten Blättern dann wieder im dunklem Rot da stehen.

Buche im Unteren Luisenpark
68165 Mannheim

(518) 11.2025

Ein neues Haus

11 Okt
BERJAYA

Im Vorbeigehen verändert es sich optisch. Doch es verschließt sich. Mehr, als dass es sich öffnet. Dabei hat es einen prominenten Platz eingenommen, der bisher unbebaut war. Am Neckar. An der Brücke. Solitär. Nach Süden. Und in alle Richtungen. Wirklich schade. Hätte doch noch mehr sein können. Seine Fassade übt Wiederholungen. Nach wenigen Takten ist die Geschichte erzählt. Handelt von Sparsamkeit. Von niedrigen Betriebskosten. Ja, gut. Und von Gleichförmigkeit. Vom Überall. Nicht gut. Von einem Vorsprung nach Süden. Oh. Dieser Überstand. Der wäre ja interessant. Zum Neckarufer hin. Überstand ist Unterstand. Wäre da eine Terrasse. An einem Baum, den es gibt. Oder eine Lounge, die es nicht gibt. Ein Raum zwischen Innen und Außen. Den Fluss wahrgenommen als Verbindung. Der öffentlich rechtliche Rundfunk verbindet. Und Ludwigshafen ja auch. Ach, fast vergessen. Die Arbeiterstädte. Arbeiterstädte und ihre Arbeitsplätze. Arbeitsplätze mit Ausblick. Eine Charmeoffensive wäre nicht schlecht gewesen.

Ein neues Haus
SWR Studio Mannheim-Ludwigshafen
Hermann-Heimerich-Ufer 2, 68167 Mannheim

(517) 10.2025

Was geht

29 Sept
BERJAYA

Im Vorbeigehen erblickte ich bei der ÖVA Passage einen leeren Verkaufsraum, ein vor kurzem aufgegebenes Schuhgeschäft und mir kam das verschwundene Rosenthal Porzellan-Geschäft wieder in Erinnerung, welches sich, wenn ich nicht irre, an gleicher Stelle befand. Es war ein Rosenthal Studio. Studio ist die Verkaufslinie von Rosenthal, bei der renomierte Künstler mit der Gestaltung von Tassen, Vasen, Porzellan beauftragt werden. Durch das Schaufenster waren die Auslagen schön anzuschauen und weckten zumindestens bei mir Begehrlichkeiten. Die Nähe zur Kunst, zur Abstraktion, sowie Qualität und Preis sorgten für den Anschein von Exklusivität und zugleich aber auch für einen gebührenden Abstand noch vor der Ladentür. Drinnen schwarze Wände, die das weiße Porzellan perfekt zur Geltung brachten. Die Strahler, kein Studio ohne Strahler, taten ihr Übriges. Bemusterung durchs Personal und eine Wendeltreppe. Die Wendeltreppe führte nach unten und unten wurde unter wachsamen Blicken jeder Kunde zum potenziellen Ladendieb. Es stapelte sich eine Menge schöner Waren und es war Geduld gefragt, wollte man sich erst einmal nur umgucken. Geduld freilich auf beiden Seiten. Unten wie oben fehlte mir jedoch die Kaufkraft und auch dem Laden fehlte wohl schließlich die Kaufkraft, war ich der einzige anwesende Kunde. Wo blieb die Kaufkraft aus Neustadt, aus Bad Dürkheim? Picasso, Warhol und Colani warteten. Warteten in ihren Tassen und Schalen. Wie also enden? Die Passage wurde umgebaut und saniert und Rosenthal verschwand. Edles Porzellan war wohl ein etwas zu behäbiger Luxus geworden und die interessierte Kundschaft möglicherweise bereits gesättigt. Inzwischen gibt es in ganz Deutschland kein eigenständiges Rosenthal-Studio mehr, dafür aber eine Rosenthal Studiohaus Abwicklungs GmbH und nach Abschluss der lang andauernden Passagen-Sanierung eröffnete also ein Schuhgeschäft. Schuhe gehen. Schuhe gehen immer und Schuhe verbrauchen sich. Was sage ich Schuhe, wo ich doch Sneakers meine. Markensneaker. On Y Go ist nun aber auch schon pleite gegangen und was geht eigentlich noch? Gegenüber an der Heinrich-Vetter Passage in O7 zieht Elbenwald dem meist jungen, oder sollte ich sagen naivem Publikum mit einem großen Angebot an Plastiktrash, je nach Lesart auch Fanartikeln oder Merchandise, gekonnt das Geld noch aus der Tasche. Es sei ihnen gegönnt.

Was geht
P7 20-23, 68161 Mannheim

(516) 09.2025

Zeitungskiosk

13 Sept
BERJAYA

Als würde ich an einer Erinnerung vorbeilaufen, so erscheint mir der Zeitungskiosk in der Fressgasse, gleich einem zukünftigen Beitrag zu „Mannheim in alten Bildern“, der Vergangenes illustriert. Liegt in einer Stadt nicht beständig alles im Sterben? Kaum wird ein Kran für den Neubau errichtet, ahnen wir schon den Niedergang. Gewiss, Tageszeitungen haben per se einen kurzen Lebenszyklus, doch der Verkaufsstand ist noch existent, seine Art durch unzählige Filmszenen ohnehin schon seit langem ikonisch und eigentlich unsterblich geworden. Die Filmbilder oft mit schnellen Schnitten, überblendet, Szenen massenhafter Vervielfältigungen, Sensationen ausrufend, begleitet von hektischem Straßenverkehr, die Blätter im Vorbeieilen durch eine einzelne Münze erworben, um gleich an der nächsten Ecke im Abfall zu landen… Der Autoverkehr in der Fressgass, ohnehin Einbahnstraße, ist jedoch gemächlich. Behäbig steckt das Papier in den Gestellen. Tageszeitungen müssen heute keine Neuigkeiten mehr verbreiten, sie haben jetzt Zeit. Sie erzählen vom Gewesenem. Keine breaking news. Sie benötigen den Küchentisch, die gute Stube, das Kaffeehaus. Ach, jetzt sitzen wir selbstbedient gegenüber beim Cafe Moro auf hohen Hockern und schauen auf unsere kleinen Bildschirme. Die Passanten auf den Gehwegen bewegen sich fast schneller als die Autos auf der Fahrbahn. Der Zeitungskiosk hat sich den Bedingungen perfekt angepasst, fängt seine Kundschaft auf dem Gehweg ein, berücksichtigt die Eile, beansprucht kein Schaufenster und nicht unsere Zeit, benötigt keine Atmosphäre im Inneren, ist selbst ganz Atmosphäre des Außen und wir, wir unterwegs, werden an seinem Schalter zu Reisenden.

Zeitungskiosk
Fressgass Q4, 68161 Mannheijm

(515) 09.2025

AUSBLENDEn

5 Jul
BERJAYA

Blogbetrachtung: Alles Mannheim kann nicht alles Mannheim sein. Was als freudiger, fast ungläubiger Ausruf startete, dem ein Ausrufezeichen hinzugefügt werden müsste, Alles Mannheim! Kaum zu glauben! ist mit den Jahren zum missverständlichen Anspruch mutiert. ALLES, ein Unding. Zu viel muss ausgeblendet werden. Tragödien, Unerträgliches, Missstände, Mängel und Unverständliches, über das ich nicht schreiben möchte. Ärger, Trauer, Wut, Sorge, Skepsis. Doch noch gibt es auch tolle Projekte, Initiativen, Versuche, Aufbäumen gegen einen vollständigen Kontrollverlust. Aber auch das ist nicht „alles“. Blende ich schöne Dinge ein, blende ich Hässliches aus. Blende ich Hässliches ein, blende ich Schönes aus. Alles in einem zu erfassen ist eine Meisterschaft, die ich große Kunst nennen würde. Und doch bleibt auch die klarste Erfassung eines Moments vor der Interpretation nicht verschont. Und die Interpretation übernimmt die Deutung und mit der Deutung werden neue Momente geschaffen… Ein Baum ist ein Baum, ist ein Baum. Ich habe diesen Baum als Traum fotografiert, als würde er woanders stehen, etwas südlicher, vielleicht am Meer. Die KI hat bereits erkannt, dass der Baum wahrscheinlich an einem Fluss steht. Stadtbetrachtung: Ein Baum steht am Rheinufer und bringt mich zum Träumen. Gleichzeitig verströmt das Flusswasser seinen unverkennbaren Geruch. Alles Mannheim. Ist die Fokussierung auf einen Baum am blauen Wasser Weltflucht? Oder das lärmende Jet Ski Vergnügen auf dem Fluss? Welt oder Leben. Das Leben soll gut sein. Es sollte für alle gut sein. Ein Handlungsaufruf. Das sollen wir tun. Das Leben soll gut sein. Eine Erklärung für den Traum am Fluss. Eine Erklärung für den Baum am Fluss. Für den Fluss. Für das Fließen. Für das Ein- und Ausblenden.

AUSBLENDEn
68199 Mannheim

(514) 07.2025

22 Jun
BERJAYA

Blick vom Neckarstrand nach Westen. Das ganze drumherum – ausgeblendet.

Kurpfalzbrücke/ Golden Hour
68167 Mannheim

(513) 06.2025

Von Pfosten, Pfählen, Pollern

14 Jun

WARNUNG: Das Lesen dieses Beitrags könnte Ihren gewohnten Blick auf die Stadt verändern!

Als eine beiläufige Erscheinung im Stadtbild ließen sich Poller und Pfosten umschreiben und diese Beiläufigkeit träfe sogar einen Kern ihres Wesens. Vor allem als Fußgänger wird man der stetig wachsenden Zahl stummer Ordnungshüter, wie sie der Poller-Forscher Helmut Höge schon genannt hatte, gewahr. Doch haben wir erst einmal unsere volle Aufmerksamkeit auf sie gelenkt, kann dies leicht der Beginn einer Obsession werden. Der Verstand versucht, ein System, eine Ordnung zu erkennen und läuft Gefahr in ein System Kafkaesken Ausmaßes zu geraten. Der Grund hierfür ist die gleichzeitige Existenz mehrerer Ordnungen und die daneben existierenden Unordnungen. Aber nun alles der Reihe nach:

Der Mannheimer Poller, der mit 11,5 cm Durchmesser die Pollernorm von 10 cm erfüllt, ist schwarz-grau, mutmaßlich aus Aluguß, meist einbetoniert, manchmal auch herausnehmbar und trägt obenauf die Wolfsangel als Zeichen. Er dient der Stadtbildgestaltung, Identitätsstiftung und der Abwehr wild parkender Fahrzeuge. Sie haben eine Höhe von 93,5 cm über dem Boden und werden je nach Einsatzart in Abständen von 240 cm bis 125 cm meist längs zur Straße gesetzt.

Die Mannheimer Poller konkurrieren mit den gemeinen Rohrpfosten, die bei einem Durchmesser von 60,3 mm eine Mindestwandstärke von 2,9 mm feuerverzinkt aufweisen müssen, damit sie nicht zu leicht knicken. Stehen sie auf Radwegen oder gemeinsamen Geh- und Radwegen sollen die Rohrständer rot/weiß reflektierend sein, um nicht bei schlechter Sicht oder für Sehbehinderte zur Gefährdung zu werden. Grundsätzlich unterliegen Poller und Sperrpfosten den Verwaltungsvorschriften des Straßenrechts und sind keine Einrichtung der staatlichen Straßenverkehrsordnung mehr; es bestimmt also die Stadt wo und wie gepollert wird.

Auch wenn es den Grundsatz gibt, Zurückhaltung beim Pollern zu üben, (schließlich kosten die Dinger auch Geld) werden die Poller über die Jahre hin immer mehr. Die ehemalige Pollerhauptstadt Amsterdam, die schon Anfang des 19. Jahrhunderts begonnen hatten, auf den Straßen umgedrehte Kanonenrohre aufzustellen, betreibt seit 1984 bereits den Rückbau ihrer ehemals 100.000 Amsterdammertjes und lag 2003 bei nur noch 37.616 Stück. Die Stadt Amsterdam verkauft ihre Poller übrigens auch Second-hand.

Ein Problem ist die Verwilderung der Poller. Wurden sie irgendwann einmal aufgestellt und die Investition getätigt, hat sich der Verwaltungsakt erfüllt. Mit zunehmendem Alter und Verwitterung kann es dann gelegentlich auch zum Eindruck von Verwahrlosung kommen.

Doch es gibt auch Sinnvolles wie Kurioses, zum Beispiel die Poller am Friedrichsplatz. Mit tiefgehängten Ketten signalisieren sie, eigentlich sollst du hier nicht rüber, aber lassen dir dann freundlich eine Chance, wenn du es doch tust. Manchmal wüsste ich dann schon gerne, wer die Idee hatte. (Bitte melden!)

Neben den neuerdings eingesetzten mobilen Pollern zur Abwehr von Autoangriffen bei Veranstaltungen, auf die ich hier nicht eingehe, gibt es aber auch weitere Formen der Autoabwehr, wie naturnahe Varianten aus Holz oder neuerdings die elektrisch versenkbaren Poller zur Zufahrtbeschränkung an der Fußgängerzone.

Zweifellos werden Poller und Sperrpfosten überwiegend als wirkungsvoll gewertet, gleichwohl steht die Forderung im Raum, dass beim Neubau von Straßen bereits während der Planungsphase alternative Lösungen für Absperrungen, wie beispielsweise Grün- oder Pflanzstreifen, eine bevorzugte Berücksichtigung finden. Letztendlich bleiben aber auch Fragen offen: Da Sperrpfosten und Poller immer dort installiert werden, wo eigentlich ohnehin Halteverbot für Fahrzeuge besteht, weil ein abgestelltes Fahrzeug zum Hindernis oder Gefahr für andere würde, wird das notwendige Stück eigenes Bewusstsein für soziale Verantwortung nicht mehr herausgefordert. Könnte dies auch umgekehrt unsoziales Verhalten provozieren und einen unbewussten Glauben, dass überall, wo keine Poller stehen, Fahrzeuge abgestellt werden können?

Von Pfosten, Pfählen, Pollern
(512) 06.2025

IKEA vs. MANNHEIM

14 Dez

Der multinationale Einrichtungskonzern IKEA ist ja bekannt für die Aneignung von Möbeldesigns anderer Hersteller (nannte man das eigentlich früher nicht klauen?) Na ja, jedenfalls erreicht das Aneignen in der Möbelausstellung von IKEA in Mannheim-Sandhofen neue Dimensionen. Hier sind in den Musterkojen, um einen realistischen Anschein zu erzielen, Fenster nachgebildet, die, ich staunte nicht schlecht, verschiedene Aussichten auf Mannheimer Gebäude vorspielen. Ja, es muss nicht immer der Eiffelturm oder ein Plakat von der Golden Gate Bridge sein, die Normierung greift regional und hey, IKEA ist bei dir zu Hause:

BERJAYA

Vom Erdgeschoss aus der direkte Blick auf das Mannheimer Schloss. Man wohnt offenbar im Landgericht.

BERJAYA

….oder mit etwas weniger Straßenlärm auch gerne im 10. OG Neckarufer-Nord.

BERJAYA

Huch, ich dachte schon ein Blick auf die JVA. Es wird aber wohl eine ehemalige Turley-Kaserne sein, ganz zielgruppengerecht junge Familie.

BERJAYA

Beste Lage, Kozlowski Immobile lässt grüßen, aber IKEA Möbel sind ja vom Preis her auch nicht wirklich billig. Der Blickwinkel geht allerdings von der Haltestelle Burger King, Planken O7 aus.

BERJAYA

Gedeckter Tisch in der Belle-Etage mit Ausblick auf Gründerzeit-Altbau, Bismarckstraße. Leider komme ich wohl zu spät zum Brunch, der Ofen ist kalt und die Gläser leer…

BERJAYA

Jetzt aber, Höhepunkt. Fernmeldeturm, schönste Aussicht, doch dann der Albtraum jeder IKEA – Küchenplanung: Das Fenster lässt sich wegen des Wasserhahns leider nicht öffnen. Oh, weh. Wer mag, tröstet sich jetzt in der Kantine mit einem authentischen Blick auf die B44.

IKEA vs. Mannheim
(511) 12.2024

Mannheim in Tüten

23 Sept
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Einfache Plastiktüten gehören der Vergangenheit an. Zu viele wurden in die Umwelt verweht, landen in den Weltmeeren und an Stränden und ihre durchschnittliche Nutzungsdauer soll nur knapp 25 Minuten betragen, hat man errechnet. In vielen Ländern gilt ein Plastiktütenverbot, bei uns dürfen sie seit 2022 nicht mehr in Verkehr gebracht werden. Allerdings hatten viele von den Jahrgängen der Kriegs- und ersten Nachkriegsgeneration die sogenannten Einwegtüten durchaus sehr in Ehren gehalten, sie sauber geglättet, in Kommoden verwahrt und ganz auf Ressourcenschonung bedacht mehrfach benutzt. Wie auch immer, seit die Tüten in den 1960ern in Umlauf kamen, waren und sind sie gleichzeitig auch Markenbotschafter und Zeugen ihrer Zeit. So erzählen die durch das ständige Einkaufen sich doch zu zahlreich angesammelten Tüten mit ihren bunten Designs auch ein bisschen Geschichte zum lieben Wandel im Handel der Einkaufsstadt Mannheim, ein Stück Vergangenheit auf Tüten, die ihr in der Diashow entdecken könnt.

Mannheim in Tüten
(510) 09.2024

Was machen wir hier?

19 Jul
BERJAYA

Es ist schon eine Weile her, da beklagte ich in diesem Blog, dass unserer Stadt Mannheim nicht die Ehre zuteil wurde, wie manch andere Städte von dem großartigen Schriftsteller Thomas Bernhard beschimpft worden zu sein. Ja überhaupt scheint Mannheim von internationalen Kulturschaffenden völlig ignoriert und durch Nichtbeachtung in eine quasi Existenzlosigkeit gestürzt zu werden, während sich gefühlt jeder zweite Pop- oder Rocksong um wahlweise Berlin, London, Paris  oder New York dreht. Durch einen glücklichen Zufall (oder war es ein schräger Algorithmus?) erlangte ich nun Kenntnis von einer mir bislang unbekannten Songzeile, die aber von manchen Kennern für die besten Strophen eines Liedbeginns überhaupt in der gesamten Rockmusikgeschichte gehalten werden, neben „Hello darkness my old friend … “ und „Can you tell me where my country lies?“

Sie stammen von keinem Geringerem als von Peter Hammill, jenem legendären Frontmann der Prog- Rockgruppe Van der Graaf Generator und sind auf seiner zweiten Solo-Lp Chameleon in the Shadow of the Night im Jahre 1973 erschienen. Das Meisterwerk beginnt mit dem Song German Overalls und den denkwürdigen Zeilen:

Mannheim: rainy Saturday with no money nor friend…
only Tequila can end the boredom.
[…]
What are we doing here?

Was machen wir hier?
Songzeile über Mannheim von Peter Hammill

(509) 07.2024

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