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Donnerstag, 31. August 2023

Blogger für HOMER 2023 - Interview mit Ana Pawlik

Bald ist ist es soweit: Am 7. Oktober 2023 wird in Ingolstadt der Literaturpreis HOMER in Gold, Silber und Bronze verliehen. Die Autorin Ana Pawlik, deren zweiter Band der Österreich-Saga es nach der Vorjahresnumenierung erneut auf die Shortlist schaffte (meine Rezension findet ihr hier), hat mir ein paar Fragen beantwortet.
 
 BERJAYA
 
Liebe Ana, warum hast du dich an das Verfassen historischer Romane gewagt, da hierfür ja unbestreitbar fundierte Recherchen erforderlich sind?
 
Ich habe selber schon seit Langem gerne historische Romane gelesen und mich oftmals gefragt, wie man es angehen müsste, selber einen Histo-Roman zu schreiben. Dabei war es mir wichtig, dass der Roman dann auch aus verschieden Perspektiven von verschiedenen Figuren erzählt wird. Dann habe ich einen Plan gemacht und begonnen zu schreiben. Eine befreundete Mittelalter-Historikerin, die sich auf den Ostalpenraum spezialisiert hat, hat mir viele Tipps gegeben, wo ich welche Quellen, Berichte und andere Infos über die Zeit finde.
 
Nach "In den Klauen der Macht" setzt du die Reihe mit "Die Welt im Nebel" fort. Wie kam es zu diesem Titel, und welche Beweggründe stecken hinter der Auswahl?
 
Ursprünglich hätte es keine Romanreihe, sondern ein einziges dickes Buch mit etwa 1000-1200 Seiten geben sollen. Als ich etwa so viele Seiten geschrieben hatte, aber noch nicht fertig mit der Story war, habe ich schon mal nach einem Verlag gesucht. Eine Literaturagentur hat mir dann gesagt, dass es beinahe unmöglich sei, einen Verlag für solch ein langes Erstlingswerk zu finden. Ich soll alles entweder auf unter 500 Seiten kürzen oder mehrere Bände machen, von denen jeder aber eine in sich abgeschlossene Geschichte enthält.
 
„Die Welt im Nebel“ hätte ursprünglich der Titel für das gesamte dicke Werk werden sollen, passte dann aber nicht zu Band 1, sondern nur zu Band 2. Der Titel steht einerseits für das oft so verregnete Ennstal, das ja der Hauptspielort ist. Andererseits ist es als Metapher zu sehen: Der König des Reichs ist gestorben und die Welt liegt in undurchsichtigem Nebel. Niemand weiß, wie es weitergehen wird. Über ein Jahr lang gibt es keinen neuen König.
 
Dein Roman führt uns in das Mittelalter, genauer in das Hochmittelalter. Warum ist deiner Meinung nach diese Epoche so anziehend für LeserInnen? 
 
In Österreich gab es vom Mittelalter bis in die Neuzeit zwei große Herrschergeschlechter, die jahrhundertelang – zumindest über den Osten des heutigen Österreichs – geherrscht haben: im späten Frühmittelalter und Hochmittelalter die Babenberger und im Spätmittelalter bis in die Neuzeit die Habsburger. In der Zeit dazwischen wurde der Osten und der Süden Österreichs über ein paar Jahrzehnte lang vom Böhmenkönig Přemysl Ottokar regiert. Und das finde ich sehr spannend. Erst wenn man diese Zeit verstanden hat, versteht man auch, wie es zum Beginn der Habsburger Ära gekommen ist.
 
Deine detaillierte Darstellung der örtlichen und historischen Gegebenheiten lässt eine hervorragende, fast visuelle Betrachtung zu. Was hat dir beim Schreiben Freude bereitet und was nicht?
 
Eigentlich hat alles beim Schreiben Freude bereitet. Mir war es immer wichtig, dass sich die Leser*innen mit allen Sinnen in das Buch hineinfühlen können und dass sie alles sehen, riechen, schmecken, hören und fühlen können, was meine Figuren erleben.
 
Wenn ich etwas nochmal recherchieren musste, weil ich es nicht aufgeschrieben und deshalb Teile davon vergessen habe, dann war das manchmal etwas nervig.
 
Das Leben im Mittelalter ist geprägt von den Gegensätzen zwischen Arm und Reich, Land und Stadt, Frauen und Männern. Tatsächlich überrascht es, dass Glücksmomente insgesamt eher rar sind und im Grunde "jeder sein Päckchen trägt" und sich um sein Dasein bemüht. War das deine Intension beim Schreiben?
 
Ja, jeder sollte seine eigene Geschichte mit seiner eigenen ausführlichen Biografie haben, die erklärt, was meine Figuren antreibt, was sie zu dem oder der Person macht, die sie heute ist und worüber sie nachdenkt. Und trägt nicht auch in der echten Welt jeder sein Päckchen?
 
Konntest du die historischen Persönlichkeiten gut in die Geschichte einbinden, oder gab es dabei Schwierigkeiten?
 
Im Grunde konnte ich sie gut einbinden. Manchmal war es schwierig, dass Ereignisse aus der Fiktion mit Ereignissen aus der Historie zeitlich zusammenpassen. Da musste die Fantasie dann nachhelfen und noch weitere Ereignisse geschehen lassen, damit dann beides wieder zusammenpasste.
 
Euphemia musste im Buch zum Beispiel lange auf ihr erstes Kind warten und eine Fehlgeburt durchmachen, da die Kinder der historischen Person Euphemia in Quellen auch erst zu einem späteren Zeitpunkt datiert sind.
 
Hast du während des Schreibens Veränderung bei der Entwicklung, Handlung und Haltung deiner fiktiven Figuren vorgenommen? Wenn ja, welche?

Irenfried hatte ursprünglich eine kleinere Rolle. Kein Kapitel war anfänglich aus seiner Sicht beschrieben. Das hat sich erst so ergeben, als ich aus dem dicken Buch eine Buchreihe geschaffen habe. Es gefällt mir jetzt aber so besser, weil man jetzt auch erfährt, was Irenfried in seiner Kindheit und Jugend erlebt und ihn zu dem gemacht hat, was er jetzt is.

Die Magd und spätere Bäuerin Bertrada hat es in der allerersten Planung noch nicht gegeben. Sie ist während des Schreibens entstanden …. Zum Glück. Denn ich finde ihre Rolle wichtig.
 
Welche Personen liegen dir vor allem am Herzen? Gibt es auch welche, die dich erzürnt haben?
 
Meine Lieblinge sind Claus und Ännlin. Bertrada bringt mich mit ihrem Duckmäusertum manchmal zum Verzweifeln. Und Rudwin verabscheue ich leidenschaftlich.
 
Da stimme ich mit dir überein, ich schätze Claus und Ännlin sehr. Betrada tut mir auch ein wenig leid, und Rudwin wünsche ich wirklich nichts Gutes ... Einmal angenommen, du könntest für einen Tag in die Haut einer deiner Figuren schlüpfen, welche wäre das und warum?
 
Ännlin, wenn sie durch den Wald schleicht und sich in ihrem Waldhaus über dem Feuer einen Eintopf zubereitet. Denn ihr Waldleben, so hart es auch war oder ist, verströmt einen Geruch von Freiheit.
 
Oh ja, diese Auswahl kann ich sbsolut nachvollziehen ... Nachdem du dann wieder in der Gegenwart angekommen bist: Wer oder was kann dir einen anstrengenden Recherche- oder Schreibtag "versüßen"?

Ein Kaffee mit Hafermilch, ein Glas Rotwein oder auch eine Radtour durchs Ennstal. Radtouren durchs Ennstal sind immer gut, denn wenn ich völlig mit den Gedanken in meinen Büchern versunken bin, kann ich mich dabei ein bisschen so fühlen, als reite ich wie Arnulf auf dem Pferd durch die Gegend.
 

Vielleicht reiten wir einmal gemeinsam, nicht nur in Gedanken ... Ein herzliches Dankeschön, liebe Ana, dass du dir für die Beantwortung meiner Fragen Zeit genommen hast.

Freitag, 25. August 2023

Blogger für HOMER 2023 - Die Welt im Nebel

BERJAYA

1272 gerät das Heilige Römische Reich in eine prekäre Situation. Nach dem Tod Richards von Cornwall scheitert die Wahl des nächsten Königs durch die sogenannten Königswähler, einem engen Kreis von geistlichen und weltlichen Kurfürsten, daran, sich auf einen Kandidaten zu einigen.

Zu den Anwärtern gehört Přemysl Ottokar von Böhmen, der nicht nur das Herzogtum Österreich, sondern unter anderem auch die Steiermark, das Egerland und Kärnten beherrscht und über Besitzungen vom Erzgebirge bis zur Adria verfügt. Wegen dieser beeindruckenden Machtposition kann er bei der Königswahl nicht einfach übergangen werden. Přemysl Ottokar selbst mobilisiert alle Kräfte, um sich die begehrte Krone aufs Haupt setzen zu lassen. Dafür bedarf es nicht nur intensiver Verhandlungen, sondern ebenso der Unterstützung von Verbündeten.

In den vergangenen zwei Jahren hat das Herzogtum Österreich einiges miterlebt, unter anderem die zahlreichen Reibereien mit den Ungarn, die erst im Sommer zuvor mit einem Schluss eines Friedensvertrages zu einem Ende gekommen sind, zumindest vorläufig.

Přemysl Ottokar plagen zum einen Geldnöte und zum anderen die Schwierigkeiten bei der Versorgung seines Heeres. Das bekommen seine Vasallen zu spüren, weil er von ihnen höhere Abgaben fordert. Er wird immer verbissener und seine Vorgehensweise härter. Dietmar von Losenstein ist ob dieser Umstände frustriert, denn seine Treue zu Přemysl Ottokar sieht er noch nicht durch ein würdiges Amt – wie das des Grafen von Styra – belohnt.

Indes ist Dietmar nicht der einzige, der den Anspruch von Přemysl Ottokar in Frage stellt. Das Lager der Gegner des Herzogs wächst und bleibt nicht untätig. Es will einen Zeugen auftreiben, mit dessen Aussage eine mögliche Kandidatur des böhmischen Königs verhindert würde. Auserkoren für diese eindeutig gefährliche Suche ist unter anderem Arnulf von Steinbach, der als Freund Dietmars von Losenstein fest an seiner Seite steht.

Ihr größter Widersacher, Irenfried von Styra, hingegen sieht seine Stunde gekommen, sich im Dunstkreis von Přemysl Ottokar zu profilieren. Erweist er sich als treuer Vasall, hofft er auf die Chance, eine der Töchter des Herzogs zu ehelichen. Aber die ihm erteilte Aufgabe ist risikoreicher als gedacht. Der mitleidlose und zur Brutalität neigende Irenfried wäre allerdings nicht er selbst, wenn er nicht eine Lösung für sein Problem finden würde.

Auch das Dorf Raming wird von den Forderungen Přemysl Ottokars nicht verschont. Angetrieben vom rücksichtslosen Irenfried sollen die Männer Holz für die zahlreichen Waffenschmieden liefern. Als die Baumstämme auf der zu viel Wasser führenden Enns geflößt werden, geschieht ein großes Unglück.

Das bringt bei Claus, Knecht auf dem Hof des Meiers Rudwin, der letztlich ohne auf die Ratschläge erfahrener Männer hören wollte, die Anweisung zum Flößen der Stämme gegeben hatte, das Fass zum Überlaufen.

Rudin hasst Claus, weil dieser klüger ist als er. Zugleich hat er Angst, dass die anderen Bauern herausfinden, dass die Vorschläge zur Bearbeitung der Felder von Claus zwar besserwisserisch klingen, gleichwohl ehrlich und bedacht sind und Veränderungen zum Wohle der Bauern in Raming schaffen würden.

Ännlin, die fern von den Menschen groß geworden und völlig ahnungslos von der Welt außerhalb des Waldes gewesen ist, fühlt sich nach wie vor einsam und niemandem zugehörig, obwohl das Schicksal sie mit Euphemia von Eberstorf zusammengebracht hat, der sie bei einem Raumüberfall das Leben rettete und die sie als Zofe in ihre Dienste nahm. Die junge Frau hat so etwas wie eine Heimat gefunden. Euphemia ist freundlich zu ihr und einer der wichtigsten Menschen im Ännlins Leben. Sie bietet ihr Unterkunft und Schutz. Aber dann verliebt sich Ännlin, und sie fühlt sich hin und her gerissen.

Euphemia wiederum wollte Nonne werden, damit sie schreiben und lesen lernen kann, denn Bücher üben eine enorme Faszination auf sie aus. Doch im Gegensatz zu Ännlin ist Euphemia wesentlich unfreier, in ihren Entscheidungen oder gar in der Liebe. Nach ihrer Wut und Trauer über ihre überstürzte Hochzeit mit Dietmar von Losensteinhat sie ihr Los angenommen, ihre Aufgabe, eine anständige Ehefrau zu sein, Kinder zu gebären und sich um die Ordnung im Haushalt ihres Ehemannes zu kümmern, zu erfüllen. Und plötzlich stellt sich auch bei ihr unerwartet die Liebe ein.

Vor einem historischen Hintergrund, der viel Zündstoff bietet, liegt nicht allein „Die Welt im Nebel“. Viele der Beteiligten geraten in konfliktreiche Auseinandersetzungen und Verschwörungen.

BERJAYA

Graue Wolken, so weit das Auge reichte. Die Welt liegt im Nebel, dachte Claus, hier in Raming ebenso wie im Rest des Römischen Reiches … Überhaupt schien ihm sein ganzes Dasein vernebelt. Nirgends konnte er einen Weg erkennen, der ihn zu einem zufriedenen Leben an der Seite einer Frau führte, die er liebte.“ (Seite 391)

Mit der Handlung in „Die Welt im Nebel“, dem zweiten Band ihrer Österreich-Saga, knüpft Ana Pawlik nahtlos an das Geschehen des ersten Bandes an. Dank immer wieder eingestreuter Rückblenden gelingt ein Einstieg in die Geschichte auch für Leser, die sich die Freude an der Lektüre von „In den Klauen der Macht“ versagt haben und darum keine Vorkenntnisse besitzen.

Ana Pawlik hat die Einarbeitung historischer Hintergründe und Begebenheiten intensiviert. Geschickt verbindet sie die von ihr hervorragend recherchierten geschichtlich nachweisbaren Ereignisse in einer politisch aufgeladenen Phase des Umbruchs im Herrschaftsgefüge des Heiligen Römischen Reichs mit einem fiktiven Geschehen. Dadurch wirkt die Handlung sehr authentisch.

Mittels prägnanter Veranschaulichung der Gegensätze zwischen den unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, insbesondere der Lebensumstände der einfachen Bevölkerung, der Bauern, Knechte und Mägde, eröffnet sich uns eine intensive Sicht auf ein alltägliches Dasein, die zum Mitfiebern, Mitleiden und Mitfreuen einlädt. Hierbei fehlt es nicht an einer Schilderung des Umfeldes, in denen sich der niedere Adel bewegt. Die Autorin macht deutlich, dass auch diesbezüglich eine deutliche Art von Unfreiheit herrscht und Glück und Erfolg gleichermaßen erkämpft werden müssen.

Treu bleibt die Autorin auch den wechselnden Perspektiven, in denen sie die Ereignisse erzählt. Zu keiner Zeit verliert sie den Faden. Auch der zweite Band hält die Spannung wirklich hoch und ist in der Beschreibung der Schauplätze sehr visuell.

Stärken und Begeisterung zeigt Ana Pawlik ebenfalls in der Figurenentwicklung. Ihre Charaktere agieren kraftvoll, herausfordernd und emotional, wirken leidenschaftlich und glaubwürdig und wecken Gefühle in uns, demzufolge wir unsere Sympathie und Antipathie verteilen.

Im zweiten Band ist ein Personenregister vorangestellt, das den Überblick über die Protagonisten erleichtert. Daneben verschafft eine Landkarte die Möglichkeit der Orientierung. Zu guter Letzt klärt die Autorin im ausführlichen Nachwort, was Fiktion und was historische Wahrheit ist. Erwähnt werden soll außerdem das individuelle, von der Künstlerin Lenka Fiala entworfene Cover, das sich von der Masse abhebt und ausgezeichnet zu einem wesentlichen Inhalt der Geschichte passt.

Ana Palik beweist mit „Die Welt im Nebel“, dass sie ihre Fähigkeit nach ihrem Debüt „In den Klauen der Macht“ wiederholt: Sie hat einen eindrucksvollen historischen Roman verfasst, bei dem die hochwertige Erzählkunst in seiner Gesamtheit überzeugt und folglich anerkannt und bewundert werden muss. Aus diesem Grund steht die Autorin mit ihrem Werk unzweifelhaft zurecht um zweiten Mal in Folge auf der Shortlist für den Goldenen HOMER.


Freitag, 11. März 2022

Die Birken der Freiheit - Interview mit der Autorin

BERJAYA

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Ich grüße dich, Christine, und freue mich, dass du anlässlich des Erscheinens deines neuen Buches "Die Birken der Freiheit" Zeit für ein Interview gefunden hast.

Danke! Und ich bin gespannt auf Deine Fragen

Zum zweiten Mal nimmst du uns nach Estland, wie wir es heute kennen. Was macht für dich die Faszination dieser baltischen Republik aus?

In den „Birken der Freiheit“ ist es – zumindest was die politische und gesellschaftliche Ordnung angeht – noch nicht das Estland, wie wir es heute kennen. Ich entführe die Leser ja in die Vergangenheit und lasse sie teilhaben an historischen Entwicklungen und Wendepunkten, die Voraussetzungen dafür waren, dass diese baltische Republik heute unabhängig ist und selbstbewusst ihre Traditionen, Kultur und Besonderheiten hochhält.

Dabei finde ich – insbesondere beim Strang, der 1914 einsetzt – die enge Verflechtung mit der deutschen Geschichte faszinierend. Vor allem aber hat es mich tief beeindruckt, wie unerschrocken dieses Volk sich immer wieder gegen übermächtige Gegner zur Wehr gesetzt hat und sich auch in finsteren Zeiten der Unterdrückung seine Identität nicht hat nehmen lassen.

Da Estland zu 50 Prozent bewaldet und der häufigste Laubbaum in den dortigen Wäldern die Birke ist, finde ich den Titel (erneut) passend gewählt. War es deine Idee, diesem Baum, der nicht nur viel besungenes Motiv vieler Lieder und Volksdichtungen und ein nationales Symbol des Landes ist, so ein kleines "Denkmal" zu widmen?

Ja, dass Birken eine Rolle spielen, war mir wichtig. Nicht zuletzt, weil ich diese Bäume liebe. Sie sind anmutig und zugleich zäh und widerstandsfähig.

Du schreibst mit enormer Detailverliebtheit, so dass es hervorragend möglich ist, sich in die Gegebenheiten vor Ort hineinzuversetzen. Stell dir vor, wir würden dieses wunderschöne Fleckchen Erde gemeinsam erkunden, welche Route würden wir nehmen?

Da Estland kein sehr großes Land ist, könnten wir in relativ überschaubarer Zeit eine schöne Rundreise machen und dabei einen umfassenden Eindruck der abwechslungsreichen Landschaft sowie der kulturellen Highlights und Baudenkmäler gewinnen.


Als Ausgangspunkt würde ich die Hauptstadt Tallinn wählen. Nach der Besichtigung der Stadt und einem Ausflug nach Kadriorg (Schloss Katharinental) und vielleicht noch nach Keila-Joa (Schloss Fall) mit seinen Wasserfällen, würden wir per Schiff zu den Inseln schippern (auf jeden Fall natürlich nach Hiiumaa (Dagö), wo ich den Birkenhof verortet habe). Anschließend würden wir auf dem Festland vom Seebad Pärnu aus eine große Runde drehen: über das im hügeligen Süden gelegene Otepää hinauf zur Universitätsstadt Tartu (Dorpat) und nach Osten zum Peipussee an der russischen Grenze und weiter gen Norden durch einsame Wälder und Moorlandschaften nach Narwa. Von dort würden wir an der Ostseeküste entlang zurück nach Tallinn fahren, vielleicht mit Abstechern nach Rakvere (Wesenberg) sowie zu einigen alten Gutshöfen und mindestens einem der Naturschutzgebiete.

Deine Romane sind stets auf zwei Zeitebenen angesiedelt. Dieses Mal begeben wir uns in die Jahre 1914 und 1989. Welches Jahr hast du bei der Recherche als intensiver für dich empfunden?

Emotional hat mich das Eintauchen in die späten 1980er Jahre mehr berührt, die ja auch für uns Deutsche (Stichwort Fall der Mauer) einen bedeutsamen Wandel brachten. Bei der Recherche bin ich oft über eigene Erinnerungen „gestolpert“ und tief in „meine“ Zeit damals abgetaucht.

Aber auch die Zeit vor und im 1. Weltkrieg fand ich spannend, vor allem die Geschehnisse im Osten, die ich zuvor nicht so auf dem Schirm hatte. Da habe ich viele interessante Zeitzeugenberichte gelesen, die mich sehr berührt haben.

Die Handlungsstränge und Personenführung bedürfen sicher eines klaren Konzepts. Wie gelingt es dir, dies einzuhalten? Gab es im Verlauf des Schaffungsprozesses von "Die Birken der Freiheit" Abweichungen?

Ja. Kleinere Änderungen sind eigentlich immer dabei und bei so komplexen und umfangreichen Manuskripten (zumindest bei mir) nicht zu vermeiden. Es kommt aber auch zu größeren Abweichungen, dieses Mal konkret bei Merikes Geschichte. Da hatte ich nämlich die kleine Enna und ihren Bruder Tarmo und auch die Punkerin Lenja im Konzept gar nicht vorgesehen, die tauchten „einfach“ auf und wollten mitspielen.

Außerdem hatte ich ursprünglich vor, die Jahre des Freiheitskampfes nach dem 1. Weltkrieg noch mehr zu thematisieren, das hätte dann aber doch den Rahmen gesprengt.

Wie wichtig ist dir die Gestaltung und Entwicklung deiner Figuren? Gibt es eine, die du im Roman besonders ins Herz geschlossen hast?

Mit den Figuren – allen voran natürlich den Protagonistinnen – steht und fällt für mich die Handlung, weil ich diese ja vor allem aus deren Perspektive verfolge. Beiden, also Merike und Luise, bin ich dabei sehr nahegekommen und kann nicht sagen, welche ich lieber habe.

 
Bei den Nebenfiguren war es bei diesem Buch vor allem die kleine Enna, die mir besonders ans Herz gewachsen ist.

In der Geschichte tauchen einige estnische Gerichte bei den Mahlzeiten auf. Mir ist das Brot sepik in Erinnerung geblieben. Hast du vielleicht das ein oder andere Rezept selbst ausprobiert, um ein persönliches Geschmackserlebnis zu haben, damit du es uns besser vermitteln kannst?

Ich habe kama ausprobiert, das sich in Estland beim Frühstück oder auch bei Desserts als wichtige Zutat großer Beliebtheit erfreut. Es ist ein Gemisch aus geröstetem Gersten-, Roggen-, Hafer- und Erbsenmehl, das z.B. mit Dickmilch, Quark verrührt oder als Creme mit Beeren gereicht wird.

Und estnische Milchkekse habe ich gebacken, die sind auch köstlich!

Als Pferdeliebhaberin freut es mich immer, wenn Pferde - wenn auch - kleine Rollen in Geschichten spielen. Wie ist deine Beziehung zu diesen wunderschönen Tieren, und dürfen wir im (hoffentlich) nächsten Buch ein wenig mehr über die Toris und ihre Freunde erfahren?

Pferde habe ich schon als Kind sehr geliebt und mir nichts sehnlicher gewünscht, als ein eigenes zu besitzen. Dieser Traum hat sich leider nie erfüllt, aber die Faszination ist geblieben.


Ich hätte gern ein drittes Buch geschrieben, in dem der Birkenhof und die Tori-Zucht eine größere Rolle spielen sollten. Der Verlag fand das zwar grundsätzlich interessant, hat jedoch andere Pläne; dort ist man nämlich der Ansicht, dass Estland den Lesern wohl zu unbekannt ist und nicht "zugkräftig" genug. Ich finde das sehr schade, denn ich hätte da noch einige interessante Ideen gehabt …

Das ist wirklich schade. Ich finde, dass es wichtig ist, den auch weniger bekannte Länder in den Mittelpunkt von Geschichten zu stellen.

Zu guter Letzt würde ich gern noch Folgendes wissen: Jeder kennt sie, die Tage, an denen nichts läuft. Gerade in dieser angespannten Zeit ... Wie motivierst du dich, wenn dich die Schreibunlust überfällt?

Von Schreibunlust würde ich weniger sprechen. Ich habe an Tagen, an denen „nichts geht“, eher das Gefühl, festzustecken. Manchmal hilft schon ein Spaziergang, um wieder klarer zu sehen und weiterschreiben zu können. In anderen Situationen bringt mich weitere Recherche auf die zündende Idee, die zuvor gefehlt hatte. Und manchmal brauche ich einfach eine kleine Auszeit, um Abstand zu gewinnen.


Aber natürlich lassen mich äußere Ereignisse wie jetzt der Krieg in der Ukraine und andere beunruhigende und bedrohliche Verwerfungen nicht kalt. Da fällt es mir dann schon zuweilen sehr schwer, das auszublenden und konzentriert zu arbeiten. Ich vermute jedoch, dass das derzeit leider vielen von uns so geht.

Da stimme ich dir auf jeden Fall zu und danke dir dafür, dass du dir Zeit für die Beantwortung meiner Fragen genommen hast.


BERJAYA

Oldenburg, 1914: Luise reist nach Estland, wo die adelige Wilhelmine einen jungen deutschbaltischen Baron heiraten soll. Nicht wissend, dass es sich um den Zukünftigen ihrer Herrin handelt, trifft Luise auf Julius und verliebt sich in ihn. Die beiden Frauen fassen einen verwegenen Plan, aber ihr Glück steht auf Messers Schneide, denn schon bald bricht der Erste Weltkrieg aus.

Estland, 1989: Bislang hat sich Merike stets ihrem tyrannischen Großvater gefügt, doch jetzt schließt sie sich gegen seinen Willen nicht nur der Unabhängigkeitsbewegung an, sondern kommt auch hinter streng gehütete Geheimnisse der Familie – und entdeckt ihre deutschen Wurzeln. 

Vor der wildromantischen Kulisse Estlands beschreiten drei Frauen neue Wege auf der Suche nach Freiheit und Liebe (Quelle: Verlag)



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Erschienen ist der Roman im Aufbau Verlag. Dieser Beitrag ist Teil einer Aktion, die von prointernet bookmark organisiert wurde.

Donnerstag, 12. November 2020

Vorweihnachtsparty "Weihnachten in Cornwall"

BERJAYA

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Vor einer Weile haben wir gemeinsam hier die Weihnachtsbox von Mila Summer geöffnet, die sie für ihr Buch "Weihnachten in Cornwall" gepackt hat.

Doch was wäre "Weihnachten in Cornwall" ohne üppige Dekoration. Bekanntlich lassen es sich die Briten nicht nehmen, ihr Heim bunt und farbenfroh zu schmücken. Denn Weihnachten in Großbritannien ist ein sehr fröhliches Fest. Zu den Traditionen gehört es, Mistel, Stechpalme und Efeu aufzuhängen. Besonders beliebt sind neben Lichterketten und Lametta auch Weihnachtsgirlanden.

Darum habe ich mein Material hervorgeholt und eine für euch gebastelt. Im Grunde ist es einfach:

Ihr benötigt Tonkarton, auch gerne in weihnachtlichen Motiven, Holzwäscheklammern, Schere und Bleistift (nicht auf dem Bild) und Klebstoff.

BERJAYA

Ich habe mir Schablonen gefertigt (die findet ihr reichlich im Internet) und mich für Socke, Baum und Stern entschieden. Schablone auflegen, Motive auftragen, ausschneiden und bunt gestalten (Reste von Tonpapier eignen sich dafür hervorragend). Im Anschluss eine Wäscheklammer an der Rückseite befestigen.

BERJAYA

Zur Probe habe ich die bunte Mischung an unserer Lichterkette im Flur getestet. Bereits jetzt im grauen November kommt sie zum Einsatz und wird im Dezember dann noch mit weihnachtlichem Grün geschmückt werden.

BERJAYABERJAYA

BERJAYA

BERJAYABERJAYA

Vielleicht habt ihr Freude daran, noch bis zum 17. November 2020 hier an unserer Vorweihnachtsparty teilzunehmen.

Samstag, 27. Juni 2020

Aktion - Die Reise des Elefantengottes

BERJAYA

Wie ist es, das erste Mal in ein Land zu reisen, in dem man noch nie gewesen ist, obwohl ein Elternteil daher stammt?

Mit dieser Frage muss sich Priyanka, die Hauptfigur des Romans „Die Reise des Elefantengottes“, auseinandersetzen. Die neununddreißigjährige Tochter eines Deutschen und einer Inderin lebt in Berlin. Doch bis auf ihren Namen weiß sie im Grunde nur so viel wie die meisten ihrer Mitmenschen über die einstige Heimat ihrer Mutter. Denn leider hat Asha nie mit ihr über das Land, das sie nach dem Verlust ihrer Familie 1968 verließ und nie wiedersah, gesprochen.

Als Priyankas Mann ihr zum Geburtstag eine Reise nach Delhi schenkt, tritt sie diese nach erster Unentschlossenheit an, und ihre einzige Vorbereitung besteht darin, sich einen Reiseführer zu kaufen. Aber ansonsten ist es für Priyanka eine Reise ins Unbekannte.

Was erwartet sie?

Als Priyanka in Delhi ankommt, schlägt ihr zunächst einmal heiße Luft entgegen, und hochsommerlicher Wind begrüßt sie. Im Mai herrschen über dreißig Grad. Am Straßenrand stehen riesige Palmen, hier liegen obdachlose Frauen, Männer und Kinder und schlafen. Priyanka ist nicht darauf vorbereitet, dass die Armut, über die sie schon so viel gelesen hat, sie trotzdem derart schockiert.

Delhi ist nach Mumbai die zweitgrößte Stadt Indiens, sogenanntes Nationales Hauptstadtterritorium und schließt Neu-Delhi mit ein. Die Metropole gehört zu den Megastädten der Welt. Im Jahr 2009 – zum Zeitpunkt der Handlung – dürfte die Einwohnerzahl knapp unter 11 Millionen liegen. Dagegen wirkt die deutsche Hauptstadt Berlin, in der Priyanka zu Hause ist, mit ihren ungefähr  3,4 Millionen Menschen überschaubar.

Indien weist eine nahezu unzählige Vielfalt an Sprachen und Völkern auf. 80 Prozent der Einwohner Delhis sprechen Hindi. Priyanka indes nicht, sie hat sich nie für die Muttersprache von Asha interessiert und nur Deutsch und Englisch gelernt. Auch mit der indischen Kultur hatte Priyanka bisher kaum Berührungspunkte. Dabei ist diese faszinierend, bunt und facettenreich und stammt von den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und Religionen. Malerei, Architektur, Tanz und Theater sind geprägt von zum Teil tausend Jahre alten Traditionen. Ebenso hinterließ die britische Kolonialzeit ihre Spuren.

Die junge Frau weiß, dass ihre Mutter zu den Hindus gehört, wie die Mehrheit der Bevölkerung Delhis. Daneben leben in der Stadt 13 Prozent Muslime, und zu den kleineren Minderheiten gehören unter anderem Sikhs und Christen.

In Berlin fällt Priyanka wegen ihres exotischen Aussehens, das ihre Herkunft nicht verbirgt, auf und wird deshalb oft angesprochen. An Bewusstsein dafür mangelte es ihr indes bisher. Sie hat es sogar hingenommen, dass eine Lehrerin ihren Namen in Bianca umwandelte und viele Freunde sie immer noch so nennen. Hingegen scheinen sie in Indien alle für eine ganz normale Inderin zu halten. Priyanka gibt das Sicherheit, und sie fühlt sich gut.

Allerdings hält Delhi weitere Überraschungen für sie bereit: Das Hotel in der Altstadt, das sie wegen ihrer Vorstellung einer besonderen fernab der vielspurigen Straßen herrschenden Atmosphäre gebucht hat, entpuppt sich als Absteige, in der ein kaputter Ventilator für Temperaturen wie in der Sauna sorgt. Wegen der dauerhaften Nutzung von Klimaanlagen fällt oft der Strom aus. Im wohltemperierten Wohnzimmer in Berlin würde es sich stattdessen aushalten lassen.

Und doch. Irgendwann, nachdem Priyanka frische Samosas gekauft hat und mit dem Geknatter und Geklingel der Motorräder und Fahrradfahrer, die sich an den im Stau steckenden, wild hupenden Autos und Rickshaws vorbeidrängeln, im Ohr in einer schattigen Ecke, etwas benommen von Abgasen, Curry-Gerüchten und Räucherstäbchen ihre Teigtaschen isst und jungen Männern nachsieht, die um die Aufmerksamkeit einer kichernden Mädchengruppe buhlen, und sie alle wunderschön findet, weckt das Beobachten des lauten Treibens das Gefühl in ihr, ein Teil davon zu sein. Und mehr und mehr kann sie sich auf das Abenteuer Indien einlassen...

BERJAYA

Der Geschmack von rotem Curry

Bis heute weiß die 39-jährige Priyanka nicht, weshalb ihr Mutter Asha als junge Frau aus Indin nach Berlin fliehen musste. Fast hat sie sich damit abgefunden, dass ihr Ashas Vergangenheit für immer verschlossen beibt, bis sie von ihrem Mann eine Reise nach Delhi geschenkt bekommt. Priyanka reist allein, nur der kleine Elefantengott, das einzige Andenken ihrer Mutter an die Heimat, begleitet sie. In Neu-Delhi taucht sie in eine farbenprächtige Welt ein und stößt auf ein dunkles Geheimnis. Doch weshalb stoßen auch hier ihre Fragen stets gegen eine Wand aus Schweigen? (Quelle: Verlag)


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Erschienen ist der Roman im Aufbau Verlag. Die Aktion wurde organisiert von der Netzwerk Agentur Bookmark. Weitere lesenswerte Artikel findet ihr hier.