Wenn ich noch einmal zu leben hätte,
dann würde ich mehr Fehler machen;
ich würde versuchen,
nicht so schrecklich perfekt sein zu wollen;
dann würde ich mich mehr entspannen
und vieles nicht mehr so ernst nehmen;
dann wäre ich ausgelassener und verrückter;
ich würde mir nicht mehr
so viele Sorgen machen um mein Ansehen;
dann würde ich mehr reisen,
mehr Berge besteigen,
mehr Flüsse durchschwimmen
und mehr Sonnenuntergänge beobachten;
dann würde ich mehr Eiscreme essen,
dann hätte ich mehr wirkliche Schwierigkeiten
als nur eingebildete;
dann würde ich früher im Frühjahr
und später im Herbst barfuss gehen,
dann würde ich mehr Blumen riechen,
mehr Kinder umarmen
und mehr Menschen sagen, dass ich sie liebe.
Wenn ich noch einmal zu leben hätte,
aber ich habe es nicht…
Als ich die Zeilen eines unbekannten
Verfassers das erste Mal gelesen habe, dachte ich, dass sie nur von einem alten
Menschen stammen können. Hier spricht ein Mensch, der wahrscheinlich kurz vor
seinem Tod auf sein Leben zurückblickt und dabei feststellt, dass er vergessen
hat, sinnvoll sein Leben zu genießen. Es wirklich zu leben, als es noch möglich
war.
Der Aufbau des Gedichts (wenn man es denn als solches sieht) ist
ungewöhnlich. Es besteht aus nur einem Satz. Der erste Halbsatz beginnt mit der
Frage „Wenn ich noch einmal zu leben hätte“, die sich der Verfasser in weiteren
folgenden Halbsätzen durch Aufzählungen selbst beantwortet.
Dabei führt er auf, was er anders
gemacht hätte. Beispielsweise, dass er zum einen mehr Fehler gemacht und
weniger nach Perfektion gestrebt hätte. Zudem wäre er entspannter,
ausgelassener und verrückter gewesen und nicht so ernst und voller Sorge auf
sein Ansehen bedacht. Er hätte sich den wahren Problemen gestellt. Daneben wären
ihm auch Dinge wie das Reisen, Bergsteigen oder die Schönheit in der Natur wie
ein Sonnenuntergang oder der Duft der Blumen wichtiger gewesen. Und er hätte
mehr Gefühle den Menschen gezeigt, die ihm nahe sind.
Das zeigt, dass der Verfasser dieser
Zeilen der Meinung ist, dass sein Leben nicht so erfüllt und befriedigend
gewesen ist, wie es hätte sein sollen. Dass er die Möglichkeiten dieses einen
Lebens nicht ausgeschöpft hat.
Das finde ich sehr traurig. Gerade mit Blick auf den Großen. Zwar ist er mit seinen 16 Jahren noch jung, aber trotzdem denke ich, dass wir - und damit meine ich auch ihn und die Mädchen und Jungen seines Alters - jeden Tag etwas aus unserem
Leben machen sollten. Gerade jetzt stellen sie die Weichen für ihre Zukunft. Sie haben Tag für Tag die Wahl, wie sie sich ihr Leben einrichten. Ihnen muss
bewusst werden und sein, dass sie nicht gedankenlos mit ihrem Leben und
verschwenderisch mit ihrer Lebenszeit umgehen. Sie sollten das tun, was sie als
wichtig empfinden, damit sie nicht eines Tages voller Reue auf die verpassten
Möglichkeiten zurückschauen. Weil es eine Wiederholung unseres Lebens nicht
gibt…
Im Gedenken meinen Schwiegervater
zum heutigen 10. Todestag
(auch das ist der März im schwanenweißen Haus)