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Dienstag, 12. September 2023

Blogger für HOMER 2023 - Das literarische Vermächtnis des Ulf Schiewe: Der eiserne Herzog

BERJAYA
 
Spät hat Ulf Schiewe seine Leidenschaft für das Schreiben entdeckt, und trotzdem gehört er zu den Autoren, an die wir denken, wenn wir von historischen Romane sprechen. Es stimmt mich sehr traurig, dass die Schaffensphase so plötzlich durch seinen Tod im März diesen Jahres beendet wurde, und darum freue ich mich, dass ich das letzte veröffentlichte Werk bewerten darf. „Der eiserne Herzog“ steht auf der Shortlist für den Literaturpreis HOMER 2023 und hat gute Chancen, geehrt zu werden.
 
 BERJAYA
 
Dabei ist die von Ulf Schiewe gewählte Thematik auf den ersten Blick gewagt, sind doch die Quellen über die von ihm geschilderten Ereignisse um Wilhelm, den Herzog der Normandie, der als Wilhelm der Eroberer in die Geschichte eingegangen ist, und seinen Kontrahenten Harold Godwinson nicht allein wegen der Ausführungen auf dem berühmten Teppich von Bayeux recht umfangreich und auch wahrheitsgemäß. Wie gelingt es insofern, nicht nur an Hand von historisch korrekten Ereignisse, Fakten und Daten sowie den integrierten Personen den Ablauf des Geschehens darzustellen, sondern auch eine fesselnde Geschichte zu entwerfen, in der die Motivation und die Gefühlswelt der Vergangenheit glaubhaft zum Leser ins Heute transportiert werden?
 
Das Leben des jungen normannischen Herzogs Guilhelm ist geprägt von Kämpfen. Selbst die Frau, die er begehrt und der er in Liebe verbunden sein wird, bedarf einiger Bemühungen. Letztlich wird Matilda von Flandern die Seine und steht treu zu ihm. Auch die Normandie scheint – von einigen Scharmützeln abgesehen – gesichert. An Englaland verschwendet Guilhelm keinen Gedanken, bis der kinderlose König Eadweard ihn zu seinem Nachfolger bestimmt. Ein Affront für die Sachsen. Niemand will einen Normannen auf dem Thron. Vor allem nicht die Familie Godwinson, die im Grunde die Macht im Land in Händen hält.
 
Obwohl Harold Godwinson – zugegeben mit ein wenig Druck von Guilhelm – schwört, den normannischen Herzog zu unterstützen, wird er nach dem Tod des Königs eidbrüchig und zum König gekrönt. Damit kann sich Guilhelm nicht abfinden.
 
In der Schlacht bei Hastings entscheidet sich 1066 nicht nur ihrer beider Schicksal ...

BERJAYA

„Der eiserne Herzog“ ist unzweifelhaft ein echter Schiewe, deutlich erkennbar an seinem enthusiastischen und packenden Schreibstil. Hier ist alles auf den Punkt gebracht und ohne überflüssige Floskeln. Nicht nur die Verwendung der gegenwärtigen Zeitform zieht uns als Leser von Anbeginn an ins Geschehen. Es sind ebenso die prägnanten und illustrativen Szenen, die zwischen der Normandie und Englaland wechseln und uns andauernd bannen und die damaligen Ereignisse mit enormer Atmosphäre auf uns wirken lassen. Außerdem wird die Handlung dicht und ohne Längen, voll innerer Kraft erzählt und entbehrt trotz bekannten Verlaufs der Historie nicht der spannungsgeladenen Dramatik in der Entwicklung bis hin zum wuchtigen Schlachtengemälde, das der Autor in höchster Kunst gezeichnet hat.
 
Ulf Schiewe beweist in seinem Werk erneut seine Fertigkeit bei der akribischen und sorgfältigen Recherche und der folgenden Auswertung der Fakten sowie Interpretation mit der eigenen Fantasie, wo es an einer solchen fehlt. Lobenswert ist überdies, dass sich der Autor nicht in maßlosen Beschreibungen der Örtlichkeiten verfängt, gleichwohl sind diese so geschildert, dass sie aich beim Lesen komplett erschließen.
 
Obwohl die Protagonisten im Grunde bekannt sind, erstaunt zum einen die Tiefe, mit der sich Ulf Schiewe ihnen allen gewidmet hat. Mit bemerkenswerter Sicherheit nähert er sich seiner titelgebenden Hauptfigur und stellt sie in den Fokus, ohne dabei die weiteren Persönlichkeiten, die tragende Rollen einnehmen, zu vernachlässigen. Daneben sind die fiktiven Figuren zurückhaltend eingesetzt und agieren ausgezeichnet im Verbund mit ihren historischen Gefährten.
 
Gefallen hat mir, in welcher Art und Weise Ulf Schiewe die Kontrahenten präsentiert. Sowohl Guilhelm als auch Harold offenbaren sich komplexe Persönlichkeiten, die sich in ihren Ansichten und ihrem Bestreben gar nicht so sehr unterscheiden. Sie sind willensstark und konsequent, aber beileibe nicht frei von Widersprüchen.
 
„… Du bist immer so selbstsicher, wirkst so unzerstörbar … Nichts scheint dich umzuwerfen. Kein Wunder, dass man dich den ‚Eisernen Herzog‘ nennt.“, sagt Matilda zur ihrem Ehemann und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Indes ist auch sie eine Frau mit Charakterstärken, die Guilhelm an ihr schätzt.
 
Überhaupt nehmen die Frauen beider Männer einen hohen Stellenwert ein. Sowohl Matilda als auch Ealdgyth sind wichtige Stützen ihrer Partner, und die feine Sensibilität des Autors in der Veranschaulichung - auch von emotionalen Momenten - ist grandios und wirkungsstark.
 
Alles in allem ist „Der eiserne Herzog“ ein fulminanter historischer Roman, mit dem Ulf Schiewe sich (ungewollt) ein kleines Denkmal gesetzt hat.
 
 
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Erschienen ist der Roman bei Lübbe Belletristik. Ich danke dem Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

Freitag, 25. August 2023

Blogger für HOMER 2023 - Die Welt im Nebel

BERJAYA

1272 gerät das Heilige Römische Reich in eine prekäre Situation. Nach dem Tod Richards von Cornwall scheitert die Wahl des nächsten Königs durch die sogenannten Königswähler, einem engen Kreis von geistlichen und weltlichen Kurfürsten, daran, sich auf einen Kandidaten zu einigen.

Zu den Anwärtern gehört Přemysl Ottokar von Böhmen, der nicht nur das Herzogtum Österreich, sondern unter anderem auch die Steiermark, das Egerland und Kärnten beherrscht und über Besitzungen vom Erzgebirge bis zur Adria verfügt. Wegen dieser beeindruckenden Machtposition kann er bei der Königswahl nicht einfach übergangen werden. Přemysl Ottokar selbst mobilisiert alle Kräfte, um sich die begehrte Krone aufs Haupt setzen zu lassen. Dafür bedarf es nicht nur intensiver Verhandlungen, sondern ebenso der Unterstützung von Verbündeten.

In den vergangenen zwei Jahren hat das Herzogtum Österreich einiges miterlebt, unter anderem die zahlreichen Reibereien mit den Ungarn, die erst im Sommer zuvor mit einem Schluss eines Friedensvertrages zu einem Ende gekommen sind, zumindest vorläufig.

Přemysl Ottokar plagen zum einen Geldnöte und zum anderen die Schwierigkeiten bei der Versorgung seines Heeres. Das bekommen seine Vasallen zu spüren, weil er von ihnen höhere Abgaben fordert. Er wird immer verbissener und seine Vorgehensweise härter. Dietmar von Losenstein ist ob dieser Umstände frustriert, denn seine Treue zu Přemysl Ottokar sieht er noch nicht durch ein würdiges Amt – wie das des Grafen von Styra – belohnt.

Indes ist Dietmar nicht der einzige, der den Anspruch von Přemysl Ottokar in Frage stellt. Das Lager der Gegner des Herzogs wächst und bleibt nicht untätig. Es will einen Zeugen auftreiben, mit dessen Aussage eine mögliche Kandidatur des böhmischen Königs verhindert würde. Auserkoren für diese eindeutig gefährliche Suche ist unter anderem Arnulf von Steinbach, der als Freund Dietmars von Losenstein fest an seiner Seite steht.

Ihr größter Widersacher, Irenfried von Styra, hingegen sieht seine Stunde gekommen, sich im Dunstkreis von Přemysl Ottokar zu profilieren. Erweist er sich als treuer Vasall, hofft er auf die Chance, eine der Töchter des Herzogs zu ehelichen. Aber die ihm erteilte Aufgabe ist risikoreicher als gedacht. Der mitleidlose und zur Brutalität neigende Irenfried wäre allerdings nicht er selbst, wenn er nicht eine Lösung für sein Problem finden würde.

Auch das Dorf Raming wird von den Forderungen Přemysl Ottokars nicht verschont. Angetrieben vom rücksichtslosen Irenfried sollen die Männer Holz für die zahlreichen Waffenschmieden liefern. Als die Baumstämme auf der zu viel Wasser führenden Enns geflößt werden, geschieht ein großes Unglück.

Das bringt bei Claus, Knecht auf dem Hof des Meiers Rudwin, der letztlich ohne auf die Ratschläge erfahrener Männer hören wollte, die Anweisung zum Flößen der Stämme gegeben hatte, das Fass zum Überlaufen.

Rudin hasst Claus, weil dieser klüger ist als er. Zugleich hat er Angst, dass die anderen Bauern herausfinden, dass die Vorschläge zur Bearbeitung der Felder von Claus zwar besserwisserisch klingen, gleichwohl ehrlich und bedacht sind und Veränderungen zum Wohle der Bauern in Raming schaffen würden.

Ännlin, die fern von den Menschen groß geworden und völlig ahnungslos von der Welt außerhalb des Waldes gewesen ist, fühlt sich nach wie vor einsam und niemandem zugehörig, obwohl das Schicksal sie mit Euphemia von Eberstorf zusammengebracht hat, der sie bei einem Raumüberfall das Leben rettete und die sie als Zofe in ihre Dienste nahm. Die junge Frau hat so etwas wie eine Heimat gefunden. Euphemia ist freundlich zu ihr und einer der wichtigsten Menschen im Ännlins Leben. Sie bietet ihr Unterkunft und Schutz. Aber dann verliebt sich Ännlin, und sie fühlt sich hin und her gerissen.

Euphemia wiederum wollte Nonne werden, damit sie schreiben und lesen lernen kann, denn Bücher üben eine enorme Faszination auf sie aus. Doch im Gegensatz zu Ännlin ist Euphemia wesentlich unfreier, in ihren Entscheidungen oder gar in der Liebe. Nach ihrer Wut und Trauer über ihre überstürzte Hochzeit mit Dietmar von Losensteinhat sie ihr Los angenommen, ihre Aufgabe, eine anständige Ehefrau zu sein, Kinder zu gebären und sich um die Ordnung im Haushalt ihres Ehemannes zu kümmern, zu erfüllen. Und plötzlich stellt sich auch bei ihr unerwartet die Liebe ein.

Vor einem historischen Hintergrund, der viel Zündstoff bietet, liegt nicht allein „Die Welt im Nebel“. Viele der Beteiligten geraten in konfliktreiche Auseinandersetzungen und Verschwörungen.

BERJAYA

Graue Wolken, so weit das Auge reichte. Die Welt liegt im Nebel, dachte Claus, hier in Raming ebenso wie im Rest des Römischen Reiches … Überhaupt schien ihm sein ganzes Dasein vernebelt. Nirgends konnte er einen Weg erkennen, der ihn zu einem zufriedenen Leben an der Seite einer Frau führte, die er liebte.“ (Seite 391)

Mit der Handlung in „Die Welt im Nebel“, dem zweiten Band ihrer Österreich-Saga, knüpft Ana Pawlik nahtlos an das Geschehen des ersten Bandes an. Dank immer wieder eingestreuter Rückblenden gelingt ein Einstieg in die Geschichte auch für Leser, die sich die Freude an der Lektüre von „In den Klauen der Macht“ versagt haben und darum keine Vorkenntnisse besitzen.

Ana Pawlik hat die Einarbeitung historischer Hintergründe und Begebenheiten intensiviert. Geschickt verbindet sie die von ihr hervorragend recherchierten geschichtlich nachweisbaren Ereignisse in einer politisch aufgeladenen Phase des Umbruchs im Herrschaftsgefüge des Heiligen Römischen Reichs mit einem fiktiven Geschehen. Dadurch wirkt die Handlung sehr authentisch.

Mittels prägnanter Veranschaulichung der Gegensätze zwischen den unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, insbesondere der Lebensumstände der einfachen Bevölkerung, der Bauern, Knechte und Mägde, eröffnet sich uns eine intensive Sicht auf ein alltägliches Dasein, die zum Mitfiebern, Mitleiden und Mitfreuen einlädt. Hierbei fehlt es nicht an einer Schilderung des Umfeldes, in denen sich der niedere Adel bewegt. Die Autorin macht deutlich, dass auch diesbezüglich eine deutliche Art von Unfreiheit herrscht und Glück und Erfolg gleichermaßen erkämpft werden müssen.

Treu bleibt die Autorin auch den wechselnden Perspektiven, in denen sie die Ereignisse erzählt. Zu keiner Zeit verliert sie den Faden. Auch der zweite Band hält die Spannung wirklich hoch und ist in der Beschreibung der Schauplätze sehr visuell.

Stärken und Begeisterung zeigt Ana Pawlik ebenfalls in der Figurenentwicklung. Ihre Charaktere agieren kraftvoll, herausfordernd und emotional, wirken leidenschaftlich und glaubwürdig und wecken Gefühle in uns, demzufolge wir unsere Sympathie und Antipathie verteilen.

Im zweiten Band ist ein Personenregister vorangestellt, das den Überblick über die Protagonisten erleichtert. Daneben verschafft eine Landkarte die Möglichkeit der Orientierung. Zu guter Letzt klärt die Autorin im ausführlichen Nachwort, was Fiktion und was historische Wahrheit ist. Erwähnt werden soll außerdem das individuelle, von der Künstlerin Lenka Fiala entworfene Cover, das sich von der Masse abhebt und ausgezeichnet zu einem wesentlichen Inhalt der Geschichte passt.

Ana Palik beweist mit „Die Welt im Nebel“, dass sie ihre Fähigkeit nach ihrem Debüt „In den Klauen der Macht“ wiederholt: Sie hat einen eindrucksvollen historischen Roman verfasst, bei dem die hochwertige Erzählkunst in seiner Gesamtheit überzeugt und folglich anerkannt und bewundert werden muss. Aus diesem Grund steht die Autorin mit ihrem Werk unzweifelhaft zurecht um zweiten Mal in Folge auf der Shortlist für den Goldenen HOMER.


Montag, 26. Juni 2023

Alles behalten für immer. Ruth Rilke

Ruth Rilke hat die Erinnerungen an ihren Vater, den Dichter Rainer Maria Rilke, immer hochgehalten, obwohl die Zeit, die sie – auch wegen der frühen Trennung der Eltern – gemeinsam mit ihm verbrachte, gering bemessen war.

Überhaupt wissen recht wenige, dass Rilke eine Tochter hatte. In der öffentlichen Betrachtung ist ihr Bild blass geblieben, und es ist der Literaturwissenschaftlerin Erika Schellenberger zu verdanken, dass dies in „Alles behalten für immer. Ruth Rilke“ mittels behutsamer und aufklärender Annäherung korrigiert und Ruth Rilke als Hüterin des Nachlasses ihres Vaters die ihr zustehende Aufmerksamkeit und Anerkennung verschafft wird.
 
Doch Ruth Rilke ist nicht nur die Tochter eines bedeutenden Vaters, sondern auch einer ebensolchen Mutter: die bekannte Bildhauerin und Malerin Clara Westhoff. Diese lernt Rilke 1900 in der Künstlerkolonie Worpswede kennen und lieben. 1901 wird geheiratet, und die Tochter kommt im Dezember desselben Jahres zur Welt.
 
Bereits im August 1902 begibt Rilke nach Paris, wohin ihm Clara nach Auflösung des Haushaltes in Westerwede folgt. Ruth bleibt bei den Großeltern Westhoff in Oberneuland, einem ländlich gelegenen idyllischen Stadtteil von Bremen.
 
Denkbar ist, dass Rilke einem (klein)bürgerlichen Familienleben nichts abgewinnen kann, so dass die Ehe zerbricht. Clara trennt sich von ihrem Mann, kehrt zur Tochter zurück und siedelt mit ihr nach Fischerhude über, wo sie bis zu ihrem Tode 1954 lebt.
 
Gleichwohl verbinden Clara Westhoff und Rainer Maria Rilke bis zum frühen Tod des Dichters 1926 freundschaftliche Bande, und ebenso die Beziehung zwischen Vater und Tochter bleibt einander zugewandt, vertrautvoll und herzlich, wenn „Väterchen" sich Zeit für Ruth nimmt. So erscheint er auch zur Hochzeit der Tochter 1922 mit dem Juristen Carl Sieber.

In Todesjahr der Mutter zieht Ruth dann zurück in das Dorf an der Wümme. Drei Jahre später erinnert sie sich an die verschiedenen Stationen in ihrem Leben.
 
BERJAYA
 
Sieben Jahre lang hat sich Erika Schellenberger auf die Spurensuche begeben, in den Rilke-Archiven in Bern und Marbach recherchiert sowie Gespräche mit Ruth Rilkes Stieftochter Uta Addicks geführt, die ihr zudem das Familienarchiv in Fischerhude zugänglich machte. Dadurch erhielt sie für ihr Anliegen beachtenswerte neue Einblicke in bisher unveröffentlichtes Material.
 
„Alles behalten für immer. Ruth Rilke“ ist als autobiografischer Roman in auf Assoziationen beruhender Erzählweise konzipiert und mit vielen Originalzitaten versehen. Die Autorin rückt hierin einerseits persönliche Lebensstationen der Tochter eines berühmtes Dichters und einer Pionierin der Bildhauerei in Deutschland in den Mittelpunkt und  ermöglicht es außerdem, an sehr privaten Szenerien und aufschlussreichen Anekdoten teilzuhaben, die die Eltern nahbar illuminieren. Lediglich die gewählten Zeitsprünge aus der gewählten Rahmenhandlung heraus – Ruth sitzt 1957 hinter ihrem Haus, in dem ihr zweiter Ehemann und Stieftochter Uta am Werk sind, erinnert sich und führt Gespräche mit einem Radiojournalisten – hemmen manchmal eine stringente Lektüre.

Sind allerdings die kleinen Hürden solcher Wechsel genommen, gelingt ein Betrachten des Geschehens und der Ereignisse in durchdringender Weise und Intensität. Die Darstellung fängt die Stimmung ein, in der Ruth das Werk ihres Vater in lebenslanger Hingabe und tiefer Verbundenheit angemessen bewahrt hat. Dafür sei ihr zu danken und Erika Schellenberger, ohne die diese Würdigung nicht stattgefunden hätte.
 
4,5 Sterne
 
 
*Werbung*
Ich danke dem Verlag Ebersbach & Simon für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares und Kirchner Kommunikation für die Vermittlung.
 

Montag, 5. Juni 2023

Nur noch bis morgen

Ewigkeiten, also seit ihrer Schulzeit, haben sich die ehemaligen Freundinnen Eva und Franka nicht gesehen.

Eva versucht nach ihrer Scheidung ihr Leben mit ihrer fast sechzehnjährigen Tochter neu zu organisieren und hat eine eigene Praxis für Anti-Ehe-Beratungen gegründet: eine sogenannte Trennungsbegleitung. Zu ihr sollen Menschen kommen, die sich vom Partner trennen möchten und dabei mentale Unterstützung benötigen, damit alles geordnet ablaufen kann. Bislang reichen die wenigen Hilfesuchenden, denen sie Ratschläge erteilt, allerdings nicht aus, um die Kosten zu decken, so dass die finanziellen Mittel an allen Ecken und Enden fehlen. Eva, die sich für die Praxis bei ihrem Ex-Mann Andreas verschuldet hat, möchte aber ihr Herzprojekt nicht aufgeben. Außerdem setzt Andreas sie permanent unter Druck und Evas Mutter erpresst sie mit dem Entzug ohnehin spärlicher Liebe. Das alles mündet in mangelndem Selbstwertgefühl, und Eva trinkt öfter einmal mehr als ein Glas Wein.

Franka hingegen scheint alle ihre Pläne verwirklicht zu haben und genau das Leben zu führen, was sie immer wollte. Und doch stellt gerade sie Überlegungen an, sich von ihrem Ehemann Bastian zu trennen, weil sie meint, den Mann, den sie als ihren allerbesten Freund bezeichnet, nicht mehr zu lieben.

Das sieht Sebastian völlig anders. Er will sich auf keinen Fall trennen, und Eva lässt sich auf ein Treffen mit ihm ein. Weil ihr an ihm etwas vertraut vorkommt. Weil sie neugierig ist. Und als sie ihn kennenlernt, weiß sie, dass sie als Jugendliche in ihn verliebt war und dass Franka denjenigen geheiratet hat, von dem sie damals träumte.

Eva wird erneut von Sebastians Begeisterung und Lebensfreude angesteckt. Es bleibt nicht aus, dass beide Gefühle füreinander entwickeln ...

BERJAYA

In „Nur noch bis morgen“ erzählt Martha Simmat mit Verständnis und Empathie die Geschichte von Menschen, die sich unterschiedlichen Herausforderungen in ihrem Leben und in der Liebe stellen müssen und vor kleinen und großen Entscheidungen stehen. Das klingt dramatisch, und ist es zum Teil auch. Tatsächlich liegt zunächst eine gewisse Schwermut über dem Geschehen, die im Verlauf der Handlung unterbrochen, zurückgenommen und vom Druck befreit und letztlich auflöst wird. Martha Simmat würzt die Ereignisse indes auch mit humorvollen Momenten, so dass unbestreitbar tragischen Situationen die Schärfe genommen wird.

Heldin Eva steht überwiegend im Mittelpunkt. Sie hat es gewagt, sich aus der Beziehung mit Andreas, einem Tyrannen, zu lösen, sieht sich nun aber den Konsequenzen ausgesetzt.

Der Autorin gelingt es ohne Zweifel, den Zwiespalt ihrer Protagonistin glaubhaft darzustellen, ihre Traurigkeit, ihrer Tochter nun nicht mehr das angenehme Leben mit Reitunterricht, regelmäßigen Kinobesuchen, einem neuen Handy bieten zu können. Eva strahlt angesichts ihrer Lage anfänglich sehr viel negative Energie aus. Sie fühlt sich unendlich allein und vom Leben ungerecht behandelt. Ergeben sich positive Wendungen, passiert irgendetwas Unvorhergesehenes, das alles wieder zerstört. Deshalb traut Eva ihrem Glück nie.

Erst die Begegnung mit Franka und vor allem die Liebe zu Sebastian bewirken eine Veränderung. Dadurch kann sie Vertrauen zulassen. Vertrauen in ihre Empfindungen. Vertrauen in das Leben, das sie gewählt hat. Vertrauen in sich selbst.

Denn „das Leben (ist) ein Abenteuer ... Das Leben hat nicht irgendein Ziel am Ende vergeudeter Jahre. Das Leben ist das Ziel ... Der Sinn des Lebens ist, das Spiel zu spielen und gut zu spielen – und Spaß zu haben.“
 
 
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Erschienen ist der Roman in der  Verlagsgruppe Droemer Knaur, dem ich für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares danke. Ebenso danke ich der Autorin für die Vermittlung.
 

Montag, 27. März 2023

Das gelbe Tuch - Teil 2: Rezension

Es herrscht ein ordentliches Getümmel in Nürnberg im April 1449. An diesem Tag der Heiltumsweisung strömen Hunderte aus dem ganzen Umland in die Stadt, um einen Blick auf Insignien und Reliquien wie die Heilige Lanze, die Reichskrone oder das Krönungszepter zu werfen.
 
Mitten unter den Menschen ist auch Anna, die als Dirne arbeiten muss. Vor drei Jahren wurde ihr Dasein vollständig auf den Kopf gestellt, als ihre Brüder sie aus der lieb gewonnenen, sicheren Geborgenheit eines Klosters gerissen und an ein Frauenhaus verkauft haben. Seitdem bietet sie dem Schicksal die Stirn und kämpft ums Überleben.
 
Endres ist zum ersten Mal nach sechs Jahren wieder in Nürnberg, und alles wirkt dort für ihn vertraut und zugleich fremd. Im geheimen Auftrag seines Herrn, dem Markgraf Albrecht von Ansbach, der im Streit mit der Reichsstadt liegt, führt sein Weg ihn in das Hurenhaus, in dem Anna arbeitet. Der jungen Frau wird schnell klar, dass Endres anders ist als die Männer, die sie sonst aufsuchen, denn er bedient sich ihrer nicht, sondern achtet sie als Person.
 
Zwischen beiden entstehen erste zarte Bande. Doch die Reichsstadt rüstet zum Krieg gegen den Ansbacher Markgraf, und Endres balanciert als dessen Spion auf schmalem Grat. Und Anna bleibt vom Unglück noch immer nicht verschont ...

 BERJAYA

„Das gelbe Tuch“ von Priska Lo Cascio ist ein historischer Roman nach meinem Geschmack. Die Autorin beweist bei der ausführlichen Schilderung der Ereignisse vor der Kulisse des mittelalterlichen Nürnberg nicht nur ein fundiertes Hintergrundwissen, sondern sie setzt ihre erdachte Geschichte hervorragend in den historischen Kontext.
 
In einem Nachwort bringt die Autorin Licht in Dunkel von Wahrheit und Erfindung. Ein Personenregister lässt einen die handelnden Figuren im Auge behalten, während das Glossar notwendige Begriffe erläutert.
 
Priska Lo Cascio greift auf ein ausgezeichnetes sprachliches Können zurück und stellt die in großen Teilen schweren und schwierigen Lebensverhältnisse der Menschen am Rande der Gesellschaft detailliert und in eindringlicher Intensität dar.
 
Mitreißend erzählt ziehen einen das Schicksal und die äußeren und inneren Kämpfe der Protagonisten in einem dramatischen und emotionalen Spannungsbogen in seinen Bann, wenn die Autorin das damalige tatsächliche Geschehen und die einst existierende Persönlichkeiten mit fiktiven Figuren verknüpft.
 
Gerade mit diesen von ihr entworfenen Charakteren überzeugt sie auf ganzer Linie.
 
Anna, die von vielen wegen ihrer zweifarbigen „Teufelsaugen“ – eines in dunklem Kohlebraun, das andere so hell wie das Kraut der Silberminze – abgelehnt oder sogar gefürchtet wird, hat mich gleich für sich eingenommen, und ich habe mehr als einmal mit ihr gelitten. Sie hat mich beeindruckt mit ihrem Willen und ihrer Kraft, die beide im Verlauf des Geschehens wachsen, aber auch mit ihrer Wissbegierde und Klugheit.
 
Endres, privilegierter Sohn aus gutem Hause, hat sich von seiner Familie abgewandt, nachdem er in Konflikt mit seinem Vater geraten ist. Lediglich mit seinem Bruder Ulman verbindet ihn Zuneigung. Er ist auf Grund seiner Vergangenheit kein einfacher Mann, jedoch einer, dessen unaufdringliche, manchmal sogar distanzierte Art bei Anna mehr Gutes bewirkt, als sie seit Langem von irgendjemandem erfahren hat.
 
„Das gelbe Tuch“ bietet einen Rahmen für eine Geschichte, in der Liebe und Freundschaft, Mut und Hoffnung, Vertrauen und Hilfsbereitschaft von großer Bedeutung und Wertigkeit sind.

Mittwoch, 8. März 2023

Quimby und sein Traum vom Fliegen

BERJAYA

Quimby wird einmal ein großer Pinguin. Schließlich gehört er zu den Kaiserpinguinen, die als Erwachsene durchaus Körpermaße von über einen Meter erreichen. Indes sind auch Kaiserpinguine in einer Sache ganz klein: Sie können – wie alle ihre Artgenossen – nicht (mehr) fliegen. Was für ein Dilemma. Besonders für Quimby.

Das Wasser seiner Heimat, der Antarktis, in dem er sich blitzschnell schwimmend fortbewegen könnte, wenn er es denn gelernt hätte, ringt ihm wenig Begeisterung ab. Ihn zieht es nämlich in die Lüfte. Wie sein großes Vorbild: den Albatros Manu. Er ist wie ein Vater für ihn und er kann das, was sich Quimby sehnlichst wünscht: Fliegen. Das versteht Quimby nicht, sie sind doch beide Vögel. Trotz des Spottes der anderen Pinguine und ihrer Ratschläge, sich mit der Tatsache abzufinden, hält er an seinem Traum fest: Eines Tages möchte er auch fliegen können.

Der Weg dorthin ist gepflastert mit Abenteuern, Risiken, Gefahren und Rückschlägen. Aber Quimby verliert sein Ziel nicht aus den Augen.

BERJAYA

Isabell Hatt und Romain Previti haben sich mit „Quimby und sein Traum vom Fliegen“ den Wunsch vom eigenen Kinderbuch erfüllt und eine Geschichte voller Inspiration geschrieben, die sich in ihrer einfachen und verständlichen Erzählweise gut zum Vorlesen eignet. Wegen des umfangreichen und ausführlichen Textes dürfte die Aufmerksamkeit von Dreijährigen auf Dauer nicht zu halten sein, jedoch das Interesse von Kinder ab Vier oder Fünf wecken.

Das liegt auf jeden Fall auch an den fröhlichen Illustrationen, deren Verhältnis zum Text zwar nicht optimal ausgewogen erscheinen, die allerdings die Handlung der Geschichte stimmig untermalen.

Von Isabell Hatt und Romain Previti werden einige Inhalte angesprochen, mit denen sich Kinder in diesem Alter bereits beschäftigen.

Quimby, dem Mutter und Ziehvater Manu viel Freiraum lassen, muss selbstsicher werden im Umgang mit Herausforderungen, seine Stärken ausloten, sich mit seinen Ängsten auseinandersetzen und lernen, seine Verzweiflung bei Niederlagen und Enttäuschungen in etwas Gutes zu verwandeln, sich dabei immer wieder neu motivieren, seinen Horizont zu erweitern und nach etwaigem Scheitern nicht aufzugeben.

Dazu gehören Hartnäckigkeit, Ehrgeiz, Zuversicht und die Bereitschaft, am eigenen Traum festzuhalten. Und es bedarf der Freundschaft und Hilfsbereitschaft vieler Tiere und Menschen. Wobei letztere in der Geschichte einen Stellenwert einnehmen, den ich mir persönlich in einem anderen Maß gewünscht hätte.

BERJAYA

Was bleibt ist ein liebenswerter kleiner Pinguin, der seinen Weg geht, um seinen Platz in der Welt zu finden.

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Ich danke für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares, insbesondere Literaturtest für die Vermittlung.