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Freitag, 10. November 2023

Blogtour DER MILCHHOF

BERJAYA
Liebe Regine, liebe Lina,

ich freue mich, dass ihr Zeit findet, mir ein paar Fragen zu beantworten. 
 
DER MILCHHOF ist der Beginn einer Reihe, die über einen Zeitraum von vielen Jahren angesiedelt ist. Was fasziniert dich, Regine, an dieser Art des Geschichtenerzählens?

Ich mag es, wenn ich Geschichten, die über einen so langen Zeitraum spielen, genügend Raum geben kann. Deshalb ist es auch wieder eine Saga geworden. Die Entstehung einer Molkerei war eben nur schwer in einem Band zu erzählen, denn es ist in den verschiedenen Epochen ja so unglaublich viel passiert. Erst gab es das Kaiserreich, dann die Weimarer Republik und in Band 3 die Herausforderung nach dem Zweiten Weltkrieg. Vor diesem Hintergrund gab es in den Betrieben unfassbar viele Neuerungen und Entwicklungen.

Mich packt es immer sehr, wenn ich mich in diese Zeit einarbeiten kann und darf, und dann daraus ein Roman entsteht.

 

Wie gestaltete sich deine Recherche? War es schwierig, an Material und Hintergrundinformationen zu gelangen?

Eine solche Recherche ist natürlich sehr aufwendig. Ich musste genau gucken, wie ich an die Informationen herankam, aber die umliegenden Molkereien waren sehr hilfsbereit und auch die Museen.

Dann habe ich mir sehr viel antiquarische Fachliteratur besorgt, mich im Internet schlau gemacht, und natürlich musste ich auch schauen, was in den unterschiedlichen Epochen los war. Und was davon für meine Romanreihe auch relevant ist.

 

Gab es Überraschungen dabei, und was hat dir besonders Freude gemacht?

Überraschungen gibt es immer. Zum Beispiel war mir nicht bewusst, dass es bis zum 1. April 1883 keine einheitliche Zeit in Deutschland gab und das dann erst per Gesetz verfügt wurde. Jeder Ort hatte zuvor alle 18 Kilometer seine eigene Zeit, je nach Sonnenstand. Darauf waren die Kirchturmuhren geeicht.

Diese Neuerung war für einen Betrieb wie den Milchhof mit Handelsbeziehungen von elementarer Bedeutung, endlich fuhren z. B. die Züge alle zur gleichen Zeit, und das habe ich natürlich eingebaut.

Besondere Freude hat mit mein Recherchetag in einer kleinen Käserei bereitet. Dort habe ich gelernt, wie man Käse herstellt. Wirklich faszinierend.

 

Wie lange hast du dann tatsächlich den ersten, jetzt vorgelegten Band DAS RAUSCHEN DER BRANDUNG geschrieben?

Das kann ich gar nicht so genau sagen. Dass ich die Saga schreiben werde, wusste ich ja schon länger, und dann habe ich mich zunächst häppchenweise informiert. Danach ging es richtig los. Die Recherche und Planung einer dreiteiligen aufeinander aufbauenden Saga ist ja ziemlich aufwendig. Meine reine Schreibzeit beträgt in der Regel vier Monate, aber davor gibt es eben einen Batzen Arbeit und im Nachgang ja auch noch mit der Überarbeitungsphase, dem Lektorat und Korrektorat etc. Ein Jahr brauche ich in der Summe immer.

 

Wie sieht in der Regel dein „Arbeitstag“ aus?

Ganz unspektakulär. Ich beginne meinen Tag mit zwanzig Minuten Sport, dann frühstücke ich und gehe um halb Neun an den Schreibtisch. Da kümmere ich mich zunächst um die neuen Mails und alles, was PR angeht. Darauf folgen administrative Dinge wie Rechnungen schreiben, Lesungen vorbereiten oder Recherchearbeit. Morgens schreibe ich meist auch meine Kurztexte, denn ich bin ja auch da tätig. Und dann geht es ans Schreiben oder Überarbeiten eines fertigen Projektes. Mit einer kurzen Mittagspause meist bis circa 17 Uhr. In intensiven Schreibhasen arbeite ich auch am Wochenende.

 

Gerade bei einer Trilogie gehe ich davon aus, dass du ein klares Konzept für die Handlungsstränge hattest. Konntest du dieses einhalten? Wie gestaltete sich deine Recherche? War es schwierig, an Material und Hintergrundinformationen zu gelangen, oder gab es während des Schreibens Abweichungen?

Es gibt immer Abweichungen, wobei das Grundkonstrukt schon eingehalten wird. Aber es passieren im Schreibprozess mit den Figuren häufig Dinge, die man nicht planen kann und das ist auch gut so. Es gibt nichts Schöneres, wenn Figuren ein Eigenleben entwickeln.

 

Die Gestaltung und Entwicklung der Figuren ist ein wesentlicher Bestandteil eines jeden Romans. Ist es für dich wichtig, dass deine Leser mit den Protagonisten mitfühlen können und/oder Entscheidungen von ihnen mittragen?

Das ist das Wichtigste überhaupt. Ich selbst leide mit meinen Figuren, freue mich und weine mit ihnen. Wenn es mir gelingt, das auch bei den Leserinnen und Lesern auszulösen, ist es für mich das Schönste.

 

Gibt es Personen, die du sehr gemocht oder bei deren Ausarbeitung du dir die "Haare gerauft" hast, weil sie schwierig waren oder gar in eine andere Richtung als die geplante bewegten?

Meine Hauptfiguren mag ich alle, ich glaube, sonst hätten sie keine so große Gewichtung.

Und auf meine Antagonisten bin ich oft stinksauer. Aber ich brauche sie, versuche aber meist deutlich zu machen, warum sie so sind wie sie sind. Da ist mir die Motivation sehr wichtig.

 

Und nun, liebe Regine, beschreibe doch deine Heldin Lina bitte in einem Satz.

Sie ist eine starke Frau, muss aber an den Anforderungen erst wachsen und hat einige Schicksalsschläge zu verkraften.


Lina, stimmst du dem zu, oder wie siehst du dich selbst? Was sagst du ist deine größte Stärke und was deine Schwäche?

Regine hat vollkommen recht. Meine größte Schwäche ist meine größte Stärke: Der Milchhof, dafür würde ich alles tun.


Warum sollten wir unbedingt deine Heimat kennenlernen?

Es gibt wohl keine Landschaft, in der man so schnell entschleunigen kann wie an der Nordseeküste mit ihrer unglaublichen Weite. Kurzum: Es ist schön hier. Und still.

 

Würdest du im Rückblick des Geschehens etwas anders machen?

Ja, ich würde mich gleich für Derk Voigt entscheiden, er hätte mir wichtiger sein müssen als der Milchhof und das Gerede der Leute.

 
Zu guter Letzt, liebe Lina, stell deiner Autorin bitte eine Frage, die unbedingt beantwortet werden muss.
 
Liebe Regine: Hättest du dich an meiner Stelle auch so entschieden, oder hätte Derk damals für dich an erster Stelle gestanden?
 

Ich bin ein Gefühlsmensch und mir wäre Derk wichtiger gewesen. Aber ich lebe auch in einer anderen Zeit, wo als Frau vieles einfacher ist.

 

 

Euch beiden danke ich herzlich für die ehrlichen Einblicke ...



BERJAYA

 
Friesische Wehde 1890: Die Bauerntochter Lina hat ihren Mann Thees nicht aus Liebe geheiratet, aber er ist der Richtige, um den Milchhof der Familie zu übernehmen und zusammen mit Linas Vater eine Privatmolkerei zu gründen. Als Obermeier stellen sie Derk Voigt ein, der zuvor in Dresden in der berühmten Pfunds-Molkerei tätig war. Er verliebt sich auf Anhieb in Lina – und sie sich in ihn. Als verheiratete Frau ist Lina für ihn jedoch unerreichbar, und Lina würde es nie wagen, die Ehe zu brechen. Dafür kommen sich die beiden auf andere Weise näher, denn Lina entwickelt ein großes Interesse an der Molkerei und am technischen Fortschritt, worüber sie sich oft mit Derk austauscht. Sie arbeiten hart, und die Molkerei floriert. Doch dann erkrankt Thees schwer, und Lina steht als Frau allein vor der Aufgabe, den Betrieb zu führen. Mit Derk an ihrer Seite schafft sie es dennoch, sich gegen alle Widerstände durchzusetzen. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, müssen die Männer an die Front. Lina und ihre Tochter Alea bleiben allein zurück. Beide wissen, dass ihnen schwere Zeiten bevorstehen. Doch ob sie es gemeinsam schaffen können, die Molkerei zu erhalten, ist ungewiss. (Quelle: Verlag)

 
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Erschienen ist der Roman im Piper Verlag. Die Blogtour wurde organisiert von prointernet bookmark.
 
 
 

Donnerstag, 31. August 2023

Blogger für HOMER 2023 - Interview mit Ana Pawlik

Bald ist ist es soweit: Am 7. Oktober 2023 wird in Ingolstadt der Literaturpreis HOMER in Gold, Silber und Bronze verliehen. Die Autorin Ana Pawlik, deren zweiter Band der Österreich-Saga es nach der Vorjahresnumenierung erneut auf die Shortlist schaffte (meine Rezension findet ihr hier), hat mir ein paar Fragen beantwortet.
 
 BERJAYA
 
Liebe Ana, warum hast du dich an das Verfassen historischer Romane gewagt, da hierfür ja unbestreitbar fundierte Recherchen erforderlich sind?
 
Ich habe selber schon seit Langem gerne historische Romane gelesen und mich oftmals gefragt, wie man es angehen müsste, selber einen Histo-Roman zu schreiben. Dabei war es mir wichtig, dass der Roman dann auch aus verschieden Perspektiven von verschiedenen Figuren erzählt wird. Dann habe ich einen Plan gemacht und begonnen zu schreiben. Eine befreundete Mittelalter-Historikerin, die sich auf den Ostalpenraum spezialisiert hat, hat mir viele Tipps gegeben, wo ich welche Quellen, Berichte und andere Infos über die Zeit finde.
 
Nach "In den Klauen der Macht" setzt du die Reihe mit "Die Welt im Nebel" fort. Wie kam es zu diesem Titel, und welche Beweggründe stecken hinter der Auswahl?
 
Ursprünglich hätte es keine Romanreihe, sondern ein einziges dickes Buch mit etwa 1000-1200 Seiten geben sollen. Als ich etwa so viele Seiten geschrieben hatte, aber noch nicht fertig mit der Story war, habe ich schon mal nach einem Verlag gesucht. Eine Literaturagentur hat mir dann gesagt, dass es beinahe unmöglich sei, einen Verlag für solch ein langes Erstlingswerk zu finden. Ich soll alles entweder auf unter 500 Seiten kürzen oder mehrere Bände machen, von denen jeder aber eine in sich abgeschlossene Geschichte enthält.
 
„Die Welt im Nebel“ hätte ursprünglich der Titel für das gesamte dicke Werk werden sollen, passte dann aber nicht zu Band 1, sondern nur zu Band 2. Der Titel steht einerseits für das oft so verregnete Ennstal, das ja der Hauptspielort ist. Andererseits ist es als Metapher zu sehen: Der König des Reichs ist gestorben und die Welt liegt in undurchsichtigem Nebel. Niemand weiß, wie es weitergehen wird. Über ein Jahr lang gibt es keinen neuen König.
 
Dein Roman führt uns in das Mittelalter, genauer in das Hochmittelalter. Warum ist deiner Meinung nach diese Epoche so anziehend für LeserInnen? 
 
In Österreich gab es vom Mittelalter bis in die Neuzeit zwei große Herrschergeschlechter, die jahrhundertelang – zumindest über den Osten des heutigen Österreichs – geherrscht haben: im späten Frühmittelalter und Hochmittelalter die Babenberger und im Spätmittelalter bis in die Neuzeit die Habsburger. In der Zeit dazwischen wurde der Osten und der Süden Österreichs über ein paar Jahrzehnte lang vom Böhmenkönig Přemysl Ottokar regiert. Und das finde ich sehr spannend. Erst wenn man diese Zeit verstanden hat, versteht man auch, wie es zum Beginn der Habsburger Ära gekommen ist.
 
Deine detaillierte Darstellung der örtlichen und historischen Gegebenheiten lässt eine hervorragende, fast visuelle Betrachtung zu. Was hat dir beim Schreiben Freude bereitet und was nicht?
 
Eigentlich hat alles beim Schreiben Freude bereitet. Mir war es immer wichtig, dass sich die Leser*innen mit allen Sinnen in das Buch hineinfühlen können und dass sie alles sehen, riechen, schmecken, hören und fühlen können, was meine Figuren erleben.
 
Wenn ich etwas nochmal recherchieren musste, weil ich es nicht aufgeschrieben und deshalb Teile davon vergessen habe, dann war das manchmal etwas nervig.
 
Das Leben im Mittelalter ist geprägt von den Gegensätzen zwischen Arm und Reich, Land und Stadt, Frauen und Männern. Tatsächlich überrascht es, dass Glücksmomente insgesamt eher rar sind und im Grunde "jeder sein Päckchen trägt" und sich um sein Dasein bemüht. War das deine Intension beim Schreiben?
 
Ja, jeder sollte seine eigene Geschichte mit seiner eigenen ausführlichen Biografie haben, die erklärt, was meine Figuren antreibt, was sie zu dem oder der Person macht, die sie heute ist und worüber sie nachdenkt. Und trägt nicht auch in der echten Welt jeder sein Päckchen?
 
Konntest du die historischen Persönlichkeiten gut in die Geschichte einbinden, oder gab es dabei Schwierigkeiten?
 
Im Grunde konnte ich sie gut einbinden. Manchmal war es schwierig, dass Ereignisse aus der Fiktion mit Ereignissen aus der Historie zeitlich zusammenpassen. Da musste die Fantasie dann nachhelfen und noch weitere Ereignisse geschehen lassen, damit dann beides wieder zusammenpasste.
 
Euphemia musste im Buch zum Beispiel lange auf ihr erstes Kind warten und eine Fehlgeburt durchmachen, da die Kinder der historischen Person Euphemia in Quellen auch erst zu einem späteren Zeitpunkt datiert sind.
 
Hast du während des Schreibens Veränderung bei der Entwicklung, Handlung und Haltung deiner fiktiven Figuren vorgenommen? Wenn ja, welche?

Irenfried hatte ursprünglich eine kleinere Rolle. Kein Kapitel war anfänglich aus seiner Sicht beschrieben. Das hat sich erst so ergeben, als ich aus dem dicken Buch eine Buchreihe geschaffen habe. Es gefällt mir jetzt aber so besser, weil man jetzt auch erfährt, was Irenfried in seiner Kindheit und Jugend erlebt und ihn zu dem gemacht hat, was er jetzt is.

Die Magd und spätere Bäuerin Bertrada hat es in der allerersten Planung noch nicht gegeben. Sie ist während des Schreibens entstanden …. Zum Glück. Denn ich finde ihre Rolle wichtig.
 
Welche Personen liegen dir vor allem am Herzen? Gibt es auch welche, die dich erzürnt haben?
 
Meine Lieblinge sind Claus und Ännlin. Bertrada bringt mich mit ihrem Duckmäusertum manchmal zum Verzweifeln. Und Rudwin verabscheue ich leidenschaftlich.
 
Da stimme ich mit dir überein, ich schätze Claus und Ännlin sehr. Betrada tut mir auch ein wenig leid, und Rudwin wünsche ich wirklich nichts Gutes ... Einmal angenommen, du könntest für einen Tag in die Haut einer deiner Figuren schlüpfen, welche wäre das und warum?
 
Ännlin, wenn sie durch den Wald schleicht und sich in ihrem Waldhaus über dem Feuer einen Eintopf zubereitet. Denn ihr Waldleben, so hart es auch war oder ist, verströmt einen Geruch von Freiheit.
 
Oh ja, diese Auswahl kann ich sbsolut nachvollziehen ... Nachdem du dann wieder in der Gegenwart angekommen bist: Wer oder was kann dir einen anstrengenden Recherche- oder Schreibtag "versüßen"?

Ein Kaffee mit Hafermilch, ein Glas Rotwein oder auch eine Radtour durchs Ennstal. Radtouren durchs Ennstal sind immer gut, denn wenn ich völlig mit den Gedanken in meinen Büchern versunken bin, kann ich mich dabei ein bisschen so fühlen, als reite ich wie Arnulf auf dem Pferd durch die Gegend.
 

Vielleicht reiten wir einmal gemeinsam, nicht nur in Gedanken ... Ein herzliches Dankeschön, liebe Ana, dass du dir für die Beantwortung meiner Fragen Zeit genommen hast.

Montag, 27. März 2023

Das gelbe Tuch - Teil 1: Drei Fragen

Den heutigen Tag möchten Patricia von Blog NICHTOHNEBUCH und ich diesem hervorragenden historischen Roman widmen.
 
BERJAYA

Drei Fragen an Patricia:

Was macht für dich den besonderen Reiz der Geschichte aus?

Es ist eine dieser Geschichten, die mich von Anfang an fesseln, es mir beinahe unmöglich machen, zwischendurch Lesepausen einzulegen.  Die stimmungsvolle Atmosphäre des Buches sorgt dafür, dass ich mich gedanklich in die damalige Zeit zurückversetzt fühle. Ganz besonders mag ich die Verflechtung tatsächlicher historischer Fakten mit fiktionalem Geschehen.

Was hat dir an Anna am meisten imponiert?

Anna ist ein kluger Kopf, eine fleißige und liebenswerte junge Frau. Zunächst scheint es, als wolle sie sich ihrem Schicksal fügen Doch plötzlich erkennt sie ihre Stärke, wächst über sich hinaus und zeigt sich kämpferisch. Raus aus der Opferrolle.

In welcher Szene hast du besonders mitgefühlt (positiv oder negativ)?

Ehrlich gesagt, kann ich das nicht an bestimmte Szenen knüpfen. Anna ist mir von Anfang an sympathisch. Ich schließe sie schnell in mein Herz, fühle und leide mit ihr durch die ganze Handlung hindurch. Sicher könnte ich hier die eine oder andere Szene benennen, die besonders berührend ist, aber wir wollen doch nicht zu viel verraten.

 
Meine Antworten auf Patricias Fragen findet ihr auf ihrem Blog.
 
Teil 2 folgt heute Abend ...

Mittwoch, 23. November 2022

Drei Tage in Aufbruchstimmung - Tag 1: Interview mit der Autorin

Ich grüße dich, Claire, und freue mich, dass du dir anlässlich des Erscheinens deines neuen Buches Zeit für ein Interview genommen hast. Lass uns sofort starten:

In "Kinder des Aufbruchs" dürfen wir nach "Kinder ihrer Zeit" erneut die Zwillinge Emma und Alice und ihre Familien begleiten. Was war deine besondere Motivation für eine Fortsetzung der Geschichte?

Als ich an den letzten Kapiteln von „Kinder ihrer Zeit“ schrieb, hatte ich das Gefühl, dass die Geschichte von Emma und Alice, aber auch der beiden Männer Julius und Max, noch nicht an ihrem Ende angekommen war und es noch mehr über sie zu erzählen gab. Als der Roman herauskam, habe ich dann im Internet eine Leserunde in einem Buchforum als Autorin begleitet und angeregt durch die Fragen und Spekulationen der Teilnehmerinnen, wie sich wohl das Leben der beiden Schwestern nach den dramatischen Ereignissen, die hinter ihnen lagen, weiter entwickeln würde, entstand so die Idee von „Kinder des Aufbruchs“.

Wie gestaltete sich deine Recherche? War es schwierig, an Material und Hintergrundinformationen zu gelangen?

Ich recherchiere für meine Bücher immer sehr lange und intensiv. Ich lese erst mal sehr viel – wissenschaftliche Literatur, aber auch Biografien, Briefwechsel oder Zeitungsartikel aus der Zeit, ich schaue mir aber auch Fotos oder Filmaufnahmen an und besonders wichtig sind für mich Zeitzeugeninterviews. Für mich ist es beim Schreiben stets von Bedeutung zu verstehen, wie sich eine Zeit für die Menschen damals angefühlt hat. Dann gehe ich aber auch in Ausstellungen. Für diesen Roman war ich zum Beispiel noch einmal im Stasi-Museum in Berlin, und ich habe außerdem auch eine unterirdische Führung der Berliner Unterwelten e.V. gemacht. Das war wahnsinnig spannend. Mir macht die Recherche sehr viel Spaß, weil ich es jedes Mal wieder faszinierend finde, in eine vergangene Epoche einzutauchen. Manchmal sind Hintergrundinformationen dabei ganz leicht zu entdecken, manchmal muss ich auch etwas länger suchen. Diese Arbeit hat auch immer etwas von einer Detektivarbeit. Seltsamerweise ist es dabei oft am schwierigsten, die banalen Dinge des Alltags in Erfahrung zu bringen.

In diesem Zusammenhang möchte ich dich zitieren: "Die junge Generation begehrte mit aller Macht gegen die autoritären Hierarchien und die Moralvorstellungen der Eltern auf, forderte mehr Freiheit und ging auf die Straße, um für politische Gerechtigkeit zu kämpfen." - Mich persönlich hat das Vorgehen der Polizei gegen die Demonstrationen sehr erschüttert, und es lässt sich meiner Meinung nach auch nicht mit den demokratischen Grundsätzen vereinbaren. Geht es dir ebenso? Warum denkst du hatte der Staat damals solche "Angst" vor seiner eigenen jungen Bevölkerung?

Ja, mich hat die Gewalt, mit der die Polizei damals vorgegangen ist, zum Teil wirklich schockiert. Ich habe mir ja auch viele Filmaufnahmen aus dieser Zeit angeschaut. Das war natürlich nicht demokratisch, was damals geschehen ist! Die Gründe für dieses brutale Vorgehen sind, glaube ich, sehr vielschichtig. Erstmal erschien natürlich alles, was politisch links war, in dieser Zeit verdächtig und gefährlich. Die Welt befand sich mitten im Kalten Krieg und das war wahrscheinlich nirgends so spürbar wie in Westberlin. Die Polizei dort war paramilitärisch geschult, damit sie im Notfall auch zur Unterstützung des Militärs gegen den kommunistischen Feind eingesetzt werden konnte. Viele Stellen waren darüber hinaus noch mit Beamten besetzt, die eine nationalsozialistische Vergangenheit hatten - oder zumindest von dieser Zeit und ihren Autoritätsbegriffen stark geprägt waren.  Was ganz allgemein auf die ältere Generation zutraf.  Diese Polizei traf nun auf eine neue junge Generation, die das westlich-kapitalistische System hinterfragte, die den Einsatz der verbündeten Amerikaner in Vietnam kritisierte und völlig andere Werte vertrat, was sich auch in ihrer äußeren Erscheinung dokumentierte. Da waren Auseinandersetzungen vorprogrammiert und die Polizei bediente sich althergebrachter Methoden, die viele Politiker, aber auch Teile der Bevölkerung leider durchaus guthießen.

Ich gehe davon aus, dass du ein klares Konzept für Handlungsstränge und die Personenführung hattest. Ist es dir gelungen, dieses einzuhalten, oder gab es während des Schreibens Abweichungen?

Ich erarbeite immer ein sehr ausführliches Exposé, in dem die Handlung und auch die Entwicklung der Charaktere schon sehr genau festgehalten sind, bevor ich anfange zu schreiben, aber bei der Arbeit am Roman verändert sich dann noch mal einiges. Manchmal stimmen zum Beispiel die Zeitabläufe nicht, weil sie im Exposé noch zu ungenau umrissen waren oder die Figuren entwickeln auf einmal eine Eigendynamik und beanspruchen einen anderen Platz in der Geschichte. Das ist aber etwas, dass ich sehr am Schreiben mag, dass sich eben nicht alles vorher festlegen lässt, sondern sich in einem ständigen kreativen Prozess befindet.

Bei der Lektüre des Romans habe ich die Schilderung der vielen Details geschätzt, so dass es auch Ortsfremden gelungen sein dürfte, auf diese Weise nach Berlin zu reisen und sich in die örtlichen Gegebenheiten vor Ort hineinzuversetzen. Hattest du beispielsweise die Chance, einen Teil des Tunnelssystems zu erkunden, um bei deiner Darstellung glaubhaft zu sein?

Ja, ich hatte wie oben erwähnt u.a. auch eine unterirdische Führung bei der Berliner Unterwelten e.V. gemacht, bei der man auch ein Stück Tunnel besichtigen konnte. Die Führung wurde von einem Zeitzeugen gemacht, der selbst geflohen war. Das war sehr eindrucksvoll und hat mir ein Gefühl für die Atmosphäre gegeben. Es hat schon etwas Unheimliches dort unten unterwegs zu sein. Aber es gibt allgemein natürlich auch sehr viel Literatur zu diesem Thema.

Die Gestaltung und Entwicklung der Figuren ist ein wesentlicher Bestandteil eines Romans. Ist es für dich wichtig, dass deine Leser mit den Protagonisten mitfühlen können und/oder Entscheidungen von ihnen mittragen? Gibt es in "Kinder des Aufbruchs" Personen, die du sehr gemocht oder bei deren Ausarbeitung du dir die "Haare gerauft" hast, weil sie schwierig waren oder gar ein Eigenleben entwickelten?

Ja, das ist für mich auf jeden Fall wichtig. Ich wünsche mir, dass meine Leser und Leserinnen in die Gedankenwelt meiner Figuren eintauchen und verstehen, woher sie kommen, was ihr Handeln vorantreibt, und ihre Gefühlswelt bestimmt. Und das auch bei den weniger sympathischen Charakteren. Dass sie deren Entscheidungen immer mittragen müssen, würde ich allerdings nicht erwarten. Für mich selbst sind dabei Figuren wie der Stasi-Offizier Saalfeld oder ein Agent wie Golo beim Schreiben ein bisschen ambivalent. Aus ihrer Perspektive zu erzählen ist manchmal zwar eine Herausforderung, aber die Auseinandersetzung mit solchen Charakteren ist gleichzeitig auch sehr spannend. Ich mag sie vielleicht nicht, aber aus ihrer Perspektive ist ihr Verhalten ja durchaus logisch und konsequent.

Zu guter Letzt sei mir die Frage gestattet, ob du bereits eine Idee für eine neue Geschichte hast und uns dazu etwas verraten magst? Wie sieht dein Schreiballtag aus, und was macht dir dabei vor allem Freunde. Und wie gelingt es dir, Momente der Schreibunlust zu überwinden?

Ich habe gerade erst angefangen für einen neuen Stoff zu recherchieren. Insofern ist es noch etwas früh, aber ich kann so viel verraten, dass der nächste Roman in den vierziger und fünfziger Jahren spielen soll. Was meinen Schreiballtag angeht – er ähnelt einem normalen Arbeitstag. Ich bin allerdings bedingt durch den Beruf meines Mannes viel auf Reisen, was für mich immer eine großartige Inspiration ist. Mein Schreib-und Arbeitstisch befindet sich deshalb oft in wechselnder Umgebung. An meiner Arbeit macht mir eigentlich fast alles Spaß. Ich liebe das Schreiben und bin sehr dankbar, dass ich es zu meinem Beruf machen konnte. Nur das viele Sitzen mag ich nicht so sehr. Wenn ich das Gefühl habe, mit dem Text nicht weiterzukommen - es gibt beim Schreiben ja diese Momente, in denen man einen Satz oder Absatz zigmal ändert und er einfach nicht stimmen will - dann gehe ich deshalb auch raus, um mich zu bewegen oder Sport zu treiben. Das hilft glücklicherweise fast immer.

Liebe Claire, nochmals Danke schön für die Beantwortung der Fragen.

BERJAYA

Sechs Jahre nach dem Mauerbau lernt die erfolgreiche Dolmetscherin Emma in West-Berlin die aus dem Ostteil der Stadt geflohene Sängerin Irma Assmann kennen. Als sie ihrer Zwillingsschwester Alice davon erzählt, reagiert diese beunruhigt. Alice schreibt als Journalistin über die Studentenbewegung und steht in Kontakt mit verschiedenen Fluchthilfe-Organisationen. Ist Irma mit ihren ehemaligen Beziehungen zum KGB als Informantin im Westen? Oder sind die Schwestern und deren Männer Julius und Max durch ihre Verbindungen zur DDR zu Zielscheiben geworden? Kurz darauf wird die Sängerin ermordet, und die vier geraten inmitten der Studentenunruhen zwischen die Fronten der Geheimdienste. (Quelle: Verlag)

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Erschienen ist der Roman im Diana Verlag. Ich danke Corinna Schindler Pressebüro für die Vermittlung.

Samstag, 27. August 2022

Blogtour HOMER Historische Literatur 2022 - Krone des Himmels - Interview mit der Autorin

 BERJAYA

Wir nähern uns in riesigen Schritten der Preisverleihung für den HOMER 2022. Die Autorin Juliane Stadler, deren Debütroman ich hier vorstellen durfte, hat mir ein paar Fragen beantwortet:
 
Was meinst du macht die Faszination des Mittelalters für LeserInnen aus?
 
Das Mittelalter ist eine Epoche, die einerseits weit weg ist, aber gleichzeitig noch sehr stark in unsere Zeit hineinreicht, sei es in Form von historischen Zeugnissen, Bauwerken bzw. Ruinen oder auch Ereignissen, die bis heute Auswirkungen auf unsere Gesellschaft haben (Grenzziehungen, Sprache, Adelsgeschlechter …). Das schafft eine Verbindung, die sicher bei vielen Neugier hervorruft. Dazu kommt, dass wir durch Urkunden und Chroniken sehr gute Einblicke in die Geschehnisse dieser Zeit haben und es möglich ist, einzigartige Schicksale und Persönlichkeiten zu rekonstruieren und nachzuverfolgen. Womöglich befeuert auch eine romantische, etwas verklärte Vorstellung von der Zeit der Ritter, Burgen und Kathedralen die Faszination.
 
Warum hast du dich dafür entschieden, die Geschichte im Dritten Kreuzzug spielen zu lassen? Was ist das Besondere dieses Kreuzzuges?
 
Die dramatische Zeit der Kreuzzüge eignet sich hervorragend, um viele auch heute noch wichtige gesellschaftliche Themen im Zusammenhang mit Religion, Politik, Krieg oder Kulturaustausch in Romanform zu verhandeln und aktuelle Bezüge herzustellen.
Dazu kommt, dass besonders der sog. Dritte Kreuzzug sehr gut dokumentiert ist, also sehr viel historisch belegtes Material bereithält und allein schon durch die Beteiligung großer Kriegerfürsten wie Barbarossa, Löwenherz oder Saladin eine faszinierende und farbenprächtige Kulisse bildet.
 
 
Über welchen Zeitraum hin hast du recherchiert, und wie lange dauerte die eigentliche Schreibzeit?
 
Die Zeit der Recherche lässt sich gar nicht so genau bemessen, da mich der ganze Themenkomplex schon immer interessierte und ich mich lange vor dem Roman intensiv damit beschäftigt habe. Ich konnte also schon auf ein solides Wissensfundament aufbauen, als ich mit dem Schreiben anfing. Vor allem zu Spezialthemen wie Medizin oder Kriegstechnik oder den Biographien der historischen Persönlichkeiten habe ich dann allerdings noch einmal genauer nachgeforscht. Die Recherche vor Ort z.B. entlang der Kreuzzugsroute Barbarossas konnte ich zum Teil mit meinem eigentlichen Beruf als Archäologin und den Reisen zu Ausgrabungsstätten im Vorderen Orient verbinden. Und so hat sich dann nach und nach ein sehr konkretes Bild von den Ereignissen ergeben, das mir als Arbeitsgrundlage diente.
Bis ich ein Ende unter das Manuskript setzen konnte, hat es ziemlich genau fünf Jahre gedauert, was aber auch damit zusammenhängt, dass ich neben meinem Brotberuf und der Betreuung meiner Kinder immer nur wenig Schreibzeit freischaufeln konnte. 
 
Der Kampfverlauf ist wahrscheinlich dokumentiert, aber wo hast du Material gefunden für das Leben in einem Heer dieser Zeit?
 
Auch dazu finden sich in den historischen Quellen, den christlichen und islamischen Chroniken über die Kreuzzüge, tatsächlich viele Details. Man erfährt dort u.a. von Hunger und Seuchen, von der Organisation eines Militärlagers oder den Strapazen auf dem Marsch und von (freundschaftlichen) Begegnungen zwischen den Kriegsparteien. Archäologische und anthropologische Funde ergänzen das Bild.
 
Gab es Probleme bei der Einbindung der historischen Persönlichkeiten? Wenn ja, welche?
 
Die historische Handlung bildet ja den festen Rahmen der Geschichte, es ging also mehr darum die fiktiven Figuren glaubwürdig einzufügen. Und wie bereits erwähnt, ist der Dritte Kreuzzug hervorragend aus unterschiedlichen Perspektiven dokumentiert, sodass man ziemlich genau weiß, wer was wann getan hat. Die Ausarbeitung der historisch belegten Charaktere, sie authentisch, plausibel und menschlich auftreten zu lassen, war dann natürlich meine Aufgabe, aber auch hier dienten die Informationen aus den Originalquellen als Richtschnur.
 
Stell dir vor, du hast die Möglichkeit, Richard Löwenherz und Philipp von Frankreich jeweils eine Frage zu stellen. Welche wären das?
 
Ich hätte eine Frage an beide: Was war wirklich der Auslöser, warum ihr euch dermaßen verkracht habt und aus Verbündeten so erbitterte Feinde wurden?
 
Haben sich im Verlaufe des Geschehens Figuren anders entwickelt als du es am Anfang geplant hast?
 
Natürlich hat man zu Beginn des Projekts schon eine konkrete Vorstellung von seinen Protagonist*innen, aber ich glaube, es ist nicht ungewöhnlich, dass man sie erst während des Schreibprozesses so richtig kennenlernt, in der Interaktion mit anderen Figuren, in der Konfrontation mit bestimmten Situationen usw. Da kann sich dann schon noch die ein oder andere Veränderung ergeben, aber meist betrifft das dann keine grundlegenden Aspekte mehr. Mir ist es allerdings schon passiert, dass Personen, die als unbedeutende Nebenfiguren geplant waren, sich verselbständigen, mir ans Herz wachsen und plötzlich viel mehr Raum einnehmen. Gallus in „Krone des Himmels“ ist so ein Fall.
 
Wer gehört du deinen Lieblingsfiguren und warum?
 
Von den fiktiven Figuren ist der Wundarzt Caspar mein Liebling. Seine Ehrlichkeit bis hin zum Zynismus, seine brummige Herzlichkeit und seine klare Sicht der Dinge mag ich sehr.
Viel Sympathie empfinde ich auch für die historische Figur des Statthalters Karakush, der auf verlorenem Posten kämpft, loyal und treu handelt und hart durchgreift, aber gleichzeitig auch sehr nahbar und menschlich ist.
 
Worauf können wir uns nach deinem Debüt als historische Romanautorin als Nächstes freuen?
 
Ich arbeite an einem weiteren historischen Roman, der ebenfalls im 12. Jahrhundert spielt, ein paar Jahre vor dem Dritten Kreuzzug. Es geht um einen König ohne Königreich, das Haifischbecken des anglo-normannischen Hofes, Turniere, Troubadoure und Intrigen sowie einen blutigen Bruderkrieg.
 
Wer oder was kann dir einen anstrengenden Recherche- oder Schreibtag "versüßen"?
 
Definitiv Nougatschokolade, entspannte Zeit mit meiner Familie oder (schreibenden) Freund*innen, ein Spaziergang im Grünen und später, wenn das Buch erschienen ist, positives Feedback der Lesenden.

Liebe Juliane, ich danke herzlich für die Zeit, die du dir für die Beantwortung meiner Fragen genommen hast.

BERJAYA

Juliane Stadler gewährt euch einen Einblick in ihr Buch und liest hier aus ihrem historischen Roman.