Tafellied

Ein Tafellied ist ein Lied, das für eine bestimmte festliche Gelegenheit gedichtet wird, um gemeinsam bei einer Liedertafel oder sonstigen Tafelrunden gesungen zu werden.[1] Sofern es sich nicht um originäre Vertonung handelt, sind die zugrundeliegenden Melodien dem Publikum bzw. der Tafelrunde üblicherweise bekannt, sodass auf Noten verzichtet werden kann.
Tafellieder dienen dazu, die festliche Stimmung zu erhöhen, sie werden von (zuweilen bezahlten) Gelegenheitsdichtern verfasst.[2]
Wortherkunft
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Carl Friedrich Zelter hatte 1808 die Bezeichnung Liedertafel für einen Gesangverein neugeschaffen, eine romantische Anspielung auf die Artustafelrunde. Eine Umkehrung Tafellied trifft man bei Joseph Eichendorff und Wilhelm Müller.[3] Allerdings ist Tafellied keine Wortneuschöpfung, da es schon früher nachweisbar ist („dergleichen Carmina Musica oder TaffelLieder gemacht“ heißt es z. B. in einer Schrift von 1653).[4]
Beschreibung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Tafellieder sind Gelegenheitsdichtungen und Ausdruck bürgerlicher Festkultur seit Jahrhunderten. Schon die alten Griechen (siehe Skolion) und Römer pflegten dergleiche Bräuche (altrömische Carmina convivalia werden als Parallele zum griechischen Skolion angesehen).[5] Beispielsweise sind Rizitika-Lieder die älteste Art der kretischen Musik, die sich in zwei Typen teilt: tis tavlas (Tafellieder) und tis stratas (Lieder für Hochzeitszüge). Die bis heute zelebrierten tis tavlas werden ohne instrumentale Begleitung von einer Singstimme im Wechsel mit einem Chor vorgetragen.[6]
Der Schriftsteller Joseph Findel äußerte sich 1874 zu den freimaurerischen Tafelliedern: „... so sind dieselben zwar im heiteren und fröhlichen Stil, aber nicht in so bewegtem Zeitmaass, wie Tafellieder der Nicht-Maurer, zu halten“.[7]
Die Tradition, für Jubilare bzw. für Geburtstagsfeiern und die Kaffeetafel neue Texte auf alte Melodien zu dichten und zu singen, existiert in Deutschland bis in die Gegenwart. Darüber wusste Georg Buschan 1914 zu berichten: „Wie heute fast bei jeder Hochzeitsfeier in der Stadt von Hauspoeten oder Gelegenheitsdichtern Hochzeitszeitungen, Tafellieder und Rundgesänge verteilt werden, so war es früher Sitte, dem Brautpaar Hochzeitswünsche in Vers oder Prosa vorzutragen. Tausende dieser gedruckten, wenn nicht von Schreibkünstlern und Malern angefertigten Hochzeitskarmina haben sich erhalten.“[8] Deutsche Tafellieder wurden im 19. Jahrhundert oft als Gelegenheitsschriften im Einblattdruck anlassbezogen in geringer Stückzahl produziert (Akzidenzdruck). Deshalb sind solche Handschriften und Drucke als Verbrauchsmaterialien (Ephemera) häufig verloren gegangen. In den seltenen Fällen, in denen sie in Bibliotheken und Archiven erhalten blieben, liegen sie oft als Dokumente in persönlichen Sammlungen und Nachlässen vor. Darüber hinaus boten Sammelbände Liedvorlagen für Tafelgesänge. Als Tafelliedautorinnen und -autoren fungieren Mitglieder der jeweiligen Festgesellschaft, Freunde und Verwandte der Gefeierten oder andere Liedtexter. In sächsischen Tageszeitungen sind Inserate gewerblicher Tafelliedtexter und Akzidenzdruckereien zu finden, die Tafellieder produzierten.[9] Ein Handbuch für Buchdrucker von 1909 empfahl die Versendung von Hochzeitszeitungen, Tafelliedern etc. „in ein besseres weißes oder mattfarbiges Papier verpackt mit besserer Schnur zugebunden“.[10]
Bekannte Dichter und Ereignisse
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Callistratos, berühmt für seine Tafellieder zum Lob des Harmodios und des Aristogeiton, die um 514 v. Chr. Helden waren.[11]
Lied an die Freude von 1785 ist laut Carl Mönckeberg ein Tafellied der Freimaurer: „Diesen Kuß der ganzen Welt! Brüder, überm Sternenzelt muß ein guter Vater wohnen!“[12] Ein weiteres Tafellied Friedrich Schillers ist Die vier Weltalter („Wohl perlet im Glase der purpurne Wein“), das er 1802 schrieb und beide an Christian Gottfried Körner schickte mit der Bitte um Melodien.[13]
Goethes Tafelied „Rechenschaft" (Frisch! der Wein soll reichlich fließen!) von 1810 wurde von Zelter durchkomponiert. Nach dem Chorrefrain „Denn das Ächzen und das Krächzen hast du heut schon abgetan", taufte Zelter es das „Ächzelied".[14]
Heinrich Heine berichtete 1824 in seiner Erzählung Die Harzreise, wie eine Studentengruppe auf dem Brocken u. a. Tafellieder von Wilhelm Müller angestimmt hatte. Müllers Tafellieder hüllen seine Zeitkritik in ein fröhliches Gewand, ohne über den „bitteren Ernst und Schmerz“ hinwegzutäuschen.[15] Johannes Brahms’ Tafellied (Dank der Damen) – laut Siegfried Kross ein echtes Gelegenheitswerk – kam 1885 heraus, von Brahms zum Vereinsjubiläum des Krefelder Singvereins vertont.[16] Der Text dieses „Tafellieds“ stammt von Joseph Eichendorff (bereits um 1825 geschrieben), eine Beziehung wegen Gleichzeitigkeit zu den 1823 erschienenen Tafelliedern des Wilhelm Müller scheint zweifelhaft.[17]
Anlässlich der reichsweiten Feierlichkeiten zum 80. Geburtstag von Otto von Bismarck im Jahre 1895 wurden zahlreiche Tafellieder verfasst. Der Wiener Verein Niederwald veröffentlichte sein aus bekannten Hymnen und Tafelliedern bestehendes Festprogramm in einer sechzehnseitigen Sammlung. Dazu gehörte unter anderem das von Paul Warncke – damals Student der Künste – zu der Melodie Sind wir vereint zur guten Stunde getextete Bismarcklied.[18]
Elemente
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Zu den charakteristischen Bestandteilen eines Tafelliedzettels gehören ein Liedtitel, das Datum und der Anlass bzw. Name der Veranstaltung, ein Untertitel mit der zu singenden Melodie und der Liedtext. Oft genannt wird am Schluss der Autor bzw. sein Namenskürzel sowie die Druckerei. Gelegentlich illustrieren Ornamente oder kleine thematisch passende Bilder die Liedzettel.
- Inserat in Neues Tagblatt und General-Anzeiger für Stuttgart und Württemberg, 25. September 1897, Nr. 224, S. 8.
- Aufforderung, Tafellieder einzusenden, Schwäbischer Merkur, 16. Oktober 1853, S. 1733
- Illustration dreier Tafellieder, Th. Ziegner's Buchdruckerei, Kötzschenbroda, 1890[19]
Merkmale und Besonderheiten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Anhand der zu singenden Melodien können Tafellieder klassifiziert werden. Des Weiteren kommen Veranstaltungsorte bzw. die herausgebenden Institutionen in Frage. Vom Vereinsleben der Kunsthütte Chemnitz existiert eine umfangreiche Liedersammlung.[20] Tafellieder können ihren Autoren zugeordnet werden, die wiederholt und für viele verschiedene Anlässe Liedtexte und Gelegenheitsgedichte schufen und veröffentlichten, wie z. B. dem Kamenzer Friedrich Ferdinand Klix.[21] Wiederkehrende Illustrationen knüpfen thematische Verbindungen zwischen verschiedenen Liedzetteln, Veranstaltungen und deren Liedern. Sie verweisen vermutlich zugleich auf die Praxis der Druckereien, vorhandene Klischees wiederholt zu verwenden.
Melodien
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Beliebte Melodien der Tafellieder im 19. Jahrhundert (Auswahl):
- Gaudeamus igitur
- O alte Burschenherrlichkeit
- Ich bin der Doctor Eisenbart
- Ein Heller und ein Batzen
- Gott erhalte Franz den Kaiser
- O Tannenbaum
- Schier dreißig Jahre bist du alt[22]
- Wohlauf Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd![23]
- Guter Mond, du gehst so stille
- Freude schöner Götterfunken
- Stimmt an mit hellem, hohen Klang
Herkunft und lokale Relevanz
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Tafellieder dokumentieren ortsbezogen Informationen über Orte, Personen, Institutionen, Veranstaltungen, Geschichten, Anekdoten und ihre Verbindungen. Nachweise und Abschriften sind bspw. in Regiowikis dokumentiert.[25][26] Tafellieder findet man potentiell in Stadtarchiven, Staatsarchiven und Regionalbibliotheken, bspw. im Landesarchiv Berlin, in der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek oder im Archivportal-D. Tageszeitungen erwähnten oft nur, dass ein Tafellied erklang und wer es dichtete. Seltener wurden Tafelliedtexte oder einzelne Strophen der Tagespresse abgedruckt.[27][28]
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Tafellied, WAB 59c: revidierte Version des Lieds An dem Feste von Anton Bruckner, 1893
- Trinklied
Quellen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Thekla Kluttig: Tafellieder – eine noch zu entdeckende Textgattung. SAXARCHIV-Blog, 16. Juni 2025, (Online)
- Daniel Fischer: Tafellieder sind kulturelles Erbe – Sammlung in der SLUB Dresden. Saxorum-Blog, 30. September 2025, (Online)
- André Kröckel et al.: Tafellieder: Informationen, Digitalisate und Einsatzmöglichkeiten im Bildungsbereich, Schulportal Thüringen, 2026
- Jens Bemme: Wenn Kruzianer feiern. Musik-in-Dresden.de, 3. Mai 2026, (Online)
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Günter Kempcke, Ruth Klappenbach, H. Malige-Klappenbach: Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache. Band 5. Walter de Gruyter GmbH & Co KG, 2022, ISBN 978-3-11-257820-9, S. 3681.
- ↑ B. von York: Lebenskunst: Die Sitten der guten Gesellschaft auf sittlich ästhetischer Grundlage. Ein Ratgeber in allen Lebenslagen. Auf Anregung hervorragender Persönlichkeiten herausgegeben von B. von York. Adalb. Fischer, 1893, S. 185, 194, 419.
- ↑ Friedrich Maurer, Friedrich Stroh: Klassik und Romantik. In: Deutsche Wortgeschichte. Band 2. Walter de Gruyter, 2011, ISBN 978-3-11-133616-9, S. 287.
- ↑ Georg Pistorius: Leich- und Klagpredig von Wolfgang Wilhelm Pfaltzgraffen bey Rhein Glorwürdigister Gedächtnuß. 1653.
- ↑ Sander M. Goldberg: Constructing Literature in the Roman Republic. Cambridge University Press, 2005, ISBN 978-0-521-85461-0, S. 4.
- ↑ Venla Sykäri: Words as Events: Cretan Mandinádes in Performance and Composition. Suomalaisen Kirjallisuuden Seura, 2011, ISBN 978-952-222-778-2, S. 92.
- ↑ Josef Gabriel Findel: Geist und Form der Freimaurerei. 2. vermehrte Auflage. J. G. Findel, 1874, S. 101.
- ↑ Georg Buschan: Das Deutsche Volk in Sitte und Brauch. In: Die Sitten der Völker. Union Deutsche Verlagsgesellschaft, 1914, S. 354.
- ↑ Vgl. Volltextsuche in https://sachsen.digital/sammlungen/historische-zeitungen.
- ↑ Friedrich Bauer: Handbuch für Buchdrucker: Theorie und Praxis des Maschinemeisters, unter Mitwirkung bewährter Fachgenossen bearbeitet. Klimsch, 1909, S. 611.
- ↑ Marcus Tullius Cicero: M. Tulli Ciceronis pro T. Annio Milone. Hrsg.: J.S. Reid. Cambridge University Press, 1894, S. 130.
- ↑ Carl Mönckeberg: Lessing als Freimaurer. Nolte, 1880, S. 4.
- ↑ Heinrich Viehoff: Schillers Gedichte: erläutert und auf ihre Veranlassungen, Quellen und Vorbilder zurückgeführt. 4. Auflage. Band 1. Carl Conradi, Stuttgart 1872, S. 95 - 96.
- ↑ Fritz Moser: Goethe in Berlin. Wedding-Verlag, 1949, S. 53.
- ↑ Erika von Borries: Wilhelm Müller: der Dichter der "Winterreise": eine Biographie. C.H.Beck, 2007, ISBN 978-3-406-56212-9, S. 211.
- ↑ Siegfried Kross: Die Chorwerke von Johannes Brahms. M. Hesses Verlag, 1958, S. 418.
- ↑ Sämtliche Werke des Freiherrn Joseph von Eichendorff: historisch-kritische Ausgabe. J. Habbel, 1908, S. 675.
- ↑ Tafellieder zur Feier des 80. Geburtstages des Fürsten Bismarck am 31. März 1895. Österreichische Nationalbibliothek, abgerufen am 29. Juni 2026.
- ↑ Vgl. SLUB Dresdenː Tafellieder der Berggesellschaft Kötzschenbroda, http://digital.slub-dresden.de/id1899932682/1, http://digital.slub-dresden.de/id1899933123/1 & http://digital.slub-dresden.de/id1899901655/1
- ↑ Wikisource: Kunsthütte Chemnitz – Quellen und Volltexte
- ↑ Wikisource: Friedrich Ferdinand Klix – Quellen und Volltexte
- ↑ Wikisource: Mantellied, in: Meyers Konversations-Lexikon, 4. Auflage, 1888, Band 11, S. 205 – Quellen und Volltexte
- ↑ Wikisource: Friedrich Schiller: Reiterlied, in: Musen-Almanach für das Jahr 1798, S. 137 – 140 – Quellen und Volltexte
- ↑ Wikisource: Tafellied beim Stiftungsfeste des Kunst- und Handwerksvereins zu Altenburg – Eisenbergisches Nachrichtsblatt, Altenburg/Eisenberg, 24. Februar 1835. (deutsch)
- ↑ Stadtwiki Meißen: (Online)
- ↑ Stadtwiki Dresden: (Online)
- ↑ Wikisource: [Neu-orthographisches Tafellied 1876] – Riedlinger Zeitung, Riedlingen, 10. August 1876, S. 372. (deutsch)
- ↑ Wikisource: Tafellied im ökonomischen Verein zu Chemnitz – Dresdner Tageblatt zur Vertretung örtlicher und vaterländischer Interessen, Dresden, 28. März 1847. (deutsch)
