Mietshaus Margulis

Das Mietshaus Margulis (ukrainisch Будинок Маргуліса; ) ist ein 1912 bis 1914 errichtetes Wohn- und Geschäftshaus in der ukrainischen Hafenstadt Odessa. Das im Jugendstil mit neoklassizistischen Elementen gestaltete Gebäude befindet sich an der Ecke Marazliivska-Straße 34 / Sabanskyi-Gasse 1, zählt zu den bedeutenden großstädtischen Mietshäusern der 1910er Jahre in Odessa[1] und war für wohlhabende Mieter bestimmt. Das Haus Margulis zählt zu einer Gruppe monumentaler Mietwohnhäuser, die das Stadtbild Odessas in den 1910er Jahren prägten. Es wird in der Fachliteratur insbesondere wegen seiner innovativen Planung, seiner außergewöhnlichen Höhe und der Verbindung von dekorativem Jugendstil mit funktionalen, rationalen Konstruktionsprinzipien hervorgehoben.[2]
Geschichte
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Das Grundstück gehörte seit der Mitte der 1890er Jahre dem Eigentümer Spyridon Ralli und ging später in den Besitz von Spyridon Alexandrowitsch Kumbari über, beide Mitglieder großer, griechischer Kaufmannsfamilien. Um 1911 erwarb der Bauingenieur Ignatij Antonowitsch Margulis (1851–191?), Direktor der Odessaer Telefongesellschaft und Pächter des städtischen Elektrizitätswerks, den an der Marazliivska-Straße gelegenen Teil des Grundstücks und ließ dort ein repräsentatives Mietwohnhaus errichten.[1]
Mit dem Entwurf wurde der aus Deutschland stammende Architekt Felix Lasarowitsch Pappe beauftragt, Absolvent des Instituts für Zivilingenieure in Sankt Petersburg. Das Gebäude ist sein bestdokumentiertes Bauwerk und gehört zu den wenigen sicher nachgewiesenen Werken Pappes.[3] Weitere, wichtige Realisationen waren die Wohnhäuser von L. Tschernigow, S. Schestopal und Pappe in der Kateryninska-Straße 35 (1911–1912; eines der höchsten und modernsten Gebäude Odessas vor Beginn des Ersten Weltkriegs), das Gebäude von I. Margulis an der Ecke Maraslijiwska-Straße 34 und Sabanski-Gasse 1 (1912–1913), das Wohnhaus und Nebengebäude von A. Hadschi-Chatschikkow in der Puschkinska-Straße 57 sowie die Villa von W. Schultz am Frantsuzski-Boulevard 7 (beide 1913). Ab 1912 beteiligte er sich an der Arbeit der Odessaer Zweigstelle der Russischen Technischen Gesellschaft.[4] Das Gebäude steht heute mit der Nummer 51-101-0670 als Baudenkmal von lokaler Bedeutung unter Denkmalschutz.[5]
Architektur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Haus gilt als eines der bedeutendsten Beispiele des späten Jugendstils in Odessa. Es verbindet Formen des Jugendstils mit neoklassizistischen Elementen und zeichnet sich zugleich durch eine für die Zeit ungewöhnlich sachliche, großmaßstäbliche Fassadengestaltung aus.[1]
Bemerkenswert ist die horizontale Gliederung: Das Erdgeschoss und der 1. Stock haben eine eher niedrige Raumhöhe und sind für Gewerbe- und Ladenflächen sowie als Wohnungen für die arbeitende Bevölkerung vorgesehen gewesen. Vom 2. bis zum 5. Stock ist die Geschosshöhe deutlich größer. Hier befinden sich die Belles etages für die zahlungskräftige Mieterschaft. Eine der Wohnungen geht gar über zwei Etagen. Diese wurde zu seinen Lebzeiten vom Architekten des Hauses, Felix Pappe bewohnt.[2]
Die Anlage besteht aus zwei unterschiedlich großen Gebäudeflügeln, die den Geländeverhältnissen angepasst wurden. Durch die Hanglage besitzt der zur Marazliivska-Straße orientierte Teil ein Sockelgeschoss, während der Flügel an der Sabanskyi-Gasse sechs oberirdische Geschosse aufweist und über Jahrzehnte zu den höchsten Wohngebäuden Odessas zählte.[1]
Die Planung folgte modernen städtebaulichen und hygienischen Grundsätzen. Ein Lichthof verbessert die Belichtung und Belüftung der Innenräume; die blockartige Gliederung des Baukörpers sowie die Verwendung neuer Baustoffe und Konstruktionstechniken weisen bereits auf den späteren Konstruktivismus voraus.[1] Die repräsentativen Treppenhäuser besaßen unter anderem Bleiglasfenster, hochwertige keramische Wandverkleidungen, kunstvoll gestaltete Geländer und einen frühen Personenaufzug. Teile dieser Ausstattung sind bis heute erhalten geblieben, wenngleich einzelne historische Elemente in jüngerer Zeit verloren gingen[2] und durchweg eine hohe Abnutzung bei gleichzeitig wenig oder keiner Wartung erfahren haben.
- Balkongeländer im 2. Stockwerk
- Gestaltung des zentralen Risalits
- Gestaltung der Loggia
- Im Innenhof
- Ehemalige Zufahrt zum Hof
Besondere Ausstattungsmerkmale
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Im Gegensatz zu den meisten anderen Gebäuden dieser Architekten sind jedoch sowohl die Hof- als auch die Außenfassaden auf Höhe der ersten beiden Stockwerke mit einem (allerdings vereinfachten) Rustikverputz versehen. Dort befindet sich auch der halbrunde Risalit des Treppenhauses des Eingangs an der Marazlievska-Straße, der die entsprechende Form der Zwischenpodeste bedingt hat. Alle drei Eingänge des Gebäudes sind ähnlich gestaltet, unterscheiden sich jedoch hinsichtlich der Grundrisslösungen und einzelner Details. Am repräsentativsten ist der Eingang von der Marazlievska-Straße aus, der nur zu den Wohnungen des fünfstöckigen Trakts führt (ab dem zweiten Stock, der über die Treppe des Durchgangs erreichbar ist). Der Vorraum ist mit einem Gewölbe aus Kassetten überdacht, und an den Wänden sind Lamellen aus Granitplatten angebracht. Über den Lamellen auf dem Kassettengewölbe befinden sich sechs identische Reliefs mit antiken Motiven, zwei weitere Relieffragmente sind direkt am Eingang zu sehen.
Die Balkone, die ab dem dritten Obergeschoss beginnen, sind mit Steinbalustraden, angedeuteten Stützen und schmiedeeisernen Metallgeländern verziert. Zierelemente, die schon im Eingangsbereich verwendet wurden, werden hier wiederholt. Einzigartig für Odessa ist die Wandverkleidung in den Treppenhäusern: Nirgendwo sonst in der Stadt finden sich hier Keramikfliesen, die sonst in Europa vielfach aufzufinden sind.
Das Haus besitzt von der Straßenseite aus insgesamt drei Eingangstüren. Die an der Marazlievskaja-Straße haben eine besonders große Breite, während die Eingänge zu den Wohnräumen in der Sabanskij-Gasse mit Türen normaler Breite ausgestattet sind. Leider sind nicht alle Türen erhalten geblieben: Die bis heute erhaltenen weisen Ähnlichkeiten mit den Wohnungstüren des Mehrfamilienhauses von Schestopal in der Lwa-Tolstogo-Straße auf, was nicht ungewöhnlich ist, weil ein solches Design in den 1910er Jahren weit verbreitet war. Insgesamt sind die Türen in ihrer Gestaltung zurückhaltend. Das Oberlicht und die fünf ovalen Öffnungen sind verglast und eine der Türen besitzt an den Verglasungsstellen noch immer die originalen Buntglasfenster. Die edlen Schnitzereien, die die Türen zieren, sind mit großer Kunstfertigkeit ausgeführt.[1]
Der Fahrgastaufzug ist schon lange nicht mehr in Betrieb. Eine einzige Aufzugtür aus massivem Metall ist bis heute erhalten geblieben. Diese Türen waren auf jedem Treppenabsatz, mit Metallstreifen verkleidet und mit einem ovalen Medaillon mit einfachem Pflanzenornament verziert. Ein ähnliches Medaillon ziert das Tor des Durchfahrtsbogens. Die Treppenabsätze, Aufgänge und Flure zu den Eingängen und Wohnungen sind sehr großzügig bemessen, doch die Beleuchtung ist hier spärlich.
Der Innenhof war mit einer Zufahrt vom westlichen Ende der Sabanskij-Gasse aus zu erreichen. Kleine Risalite mit abgeschrägten Ecken ragen zum Innenhof hin hervor und die Fassaden sind mit Strukturputz in „Pelz“-Optik verputzt. Dies bezeichnet im architektonischen und restauratorischen Kontext der früheren Sowjetunion ein Gebäude mit einer strukturierten, groben dekorativen Oberfläche, die in ihrem Aussehen an dichtes Fell, einen „Pelzmantel“ oder körnige Wolle erinnert. Eine ähnliche Gestaltung findet sich bei Gebäuden aus den 1910er Jahren von Architekten wie Alexander I. Holzwurm, Moisey Samoilovich Radbil und Pawel Lasarewitsch Slavkin.
- Buntglasfenster
- Marmorboden, Kassettendecke und Stuckapplikationen
- Eines der Treppenhäuser
- Treppenhaus mit Keramiken an der Wand
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 3 4 5 6 Архітектура Одеси: Прибутковий будинок В. Маргуліса. Архитектура Одессы (ukrainisch).
- 1 2 3 Архітектурні таємниці Одеси: чим цікавий будинок Маргуліса? Одеське життя, 27. Dezember 2022.
- ↑ Wladimir Iwanowitsch Tymofienko: Паппе Фелікс Лазарович. In: Енциклопедія Сучасної України, Institut für enzyklopädische Forschung der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine, Kiew, ISBN 966-02-2074-X, 2023.
- ↑ ПА́ППЕ Фелікс Лазарович. Eintrag in Енциклопедія Сучасної України (Enzyklopädie der modernen Ukraine), 2023, ISBN 966-02-2074-X.
- ↑ "Будинок житловий Маргуліса, Одеса".
Koordinaten: 46° 28′ 45,1″ N, 30° 44′ 58,6″ O
